Startseite PolitikGerhard Schröder unter Feuer: „Entsetzliche“ Aussagen zum Ukraine-Krieg erschüttern Berlin

Gerhard Schröder unter Feuer: „Entsetzliche“ Aussagen zum Ukraine-Krieg erschüttern Berlin

Die Äußerungen von Altkanzler Gerhard Schröder zum angeblich verpassten Frieden in der Ukraine sorgen in Berlin für Entsetzen. Politische Gegner werfen ihm vor, russische Propaganda zu verbreiten und die Fakten zu verdrehen.

von Wolfgang Baumer
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Gerhard Schröder unter Feuer: "Entsetzliche" Aussagen zum Ukraine-Krieg erschüttern Berlin

Die Rolle ehemaliger Staatsmänner in Krisenzeiten ist oft die des stillen Beraters oder des diplomatischen Vermittlers. Im Fall von Gerhard Schröder scheint sich diese Rolle jedoch zunehmend in die eines polarisierenden Akteurs verwandelt zu haben, dessen Wortmeldungen in Berlin nicht mehr nur Kopfschütteln, sondern offenes Entsetzen auslösen. Während wir auf das-unternehmer-wissen.de regelmäßig über die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen des Konflikts in Osteuropa berichten, zwingt die aktuelle Debatte um den Altkanzler dazu, den Blick erneut auf die Verflechtungen zwischen deutscher Innenpolitik und russischer Propaganda zu richten. Die jüngsten Einlassungen Schröders zu den gescheiterten Friedensverhandlungen von 2022 haben eine neue Welle der Kritik ausgelöst, die weit über das übliche politische Geplänkel hinausgeht.

Es ist ein Muster, das sich seit Beginn der russischen Invasion wiederholt: Der ehemalige Bundeskanzler meldet sich zu Wort, und die Reaktionen reichen von Unverständnis bis hin zu wütender Ablehnung. Doch dieses Mal wiegt der Vorwurf schwerer. Es geht nicht nur um persönliche Freundschaften zu Wladimir Putin, sondern um die Deutungshoheit über die Geschichte dieses Krieges – und die Frage, wer die Verantwortung für dessen Fortdauer trägt.

Der Mythos von Istanbul: Eine gefährliche Geschichtsklitterung?

Im Kern der aktuellen Kontroverse steht Schröders Behauptung, der Frieden sei im Frühjahr 2022 greifbar nah gewesen. Er bezieht sich dabei auf die Verhandlungen in Istanbul, die kurz nach Beginn der Invasion stattfanden. Seiner Darstellung nach hätte der Krieg beendet werden können, wenn westliche Mächte – insbesondere die USA – dies nicht verhindert hätten. Diese Erzählung ist nicht neu; sie deckt sich auffällig mit den Narrativen, die regelmäßig aus dem Kreml zu vernehmen sind. Schröder positioniert sich hierbei als derjenige, der die „Wahrheit“ auszusprechen wagt, während Kritiker darin eine gezielte Desinformation sehen.

Die Vorstellung, dass ein fertiger Friedensvertrag nur noch der Unterschrift bedurfte, wird von zahlreichen Experten und Historikern bestritten. Sie weisen darauf hin, dass die russischen Forderungen damals einer Kapitulation der Ukraine gleichgekommen wären und die Gräueltaten von Butscha, die kurz darauf bekannt wurden, jede vertrauensvolle Basis für Gespräche zerstörten. Dennoch hält Schröder an seiner Version fest, was ihm nun den Vorwurf einbringt, sich zum Sprachrohr Putins zu machen.

„Entsetzlich“: Die scharfe Replik der Opposition

Die Reaktionen aus dem politischen Berlin ließen nicht lange auf sich warten. Besonders deutlich wurde Roderich Kiesewetter, Außenpolitikexperte der CDU. Er wählte drastische Worte, um die Aussagen des Altkanzlers zu qualifizieren. Wie t-online berichtet, bezeichnete Kiesewetter die Einlassungen Schröders als „entsetzlich“ und warf ihm vor, die Tatsachen im Sinne des Aggressors zu verdrehen. Für Kiesewetter ist dies kein bloßes Missverständnis, sondern ein bewusster Akt der Desinformation, der darauf abziele, die westliche Unterstützung für die Ukraine zu untergraben.

Kiesewetter steht mit seiner Kritik nicht allein. Quer durch die Parteienlandschaft – mit Ausnahme der Ränder – herrscht Konsens darüber, dass Schröders Haltung der deutschen Außenpolitik massiven Schaden zufügt. Es wird argumentiert, dass solche Aussagen aus dem Munde eines ehemaligen Regierungschefs international als Indiz für eine gespaltene Haltung Deutschlands gewertet werden könnten. Gerade in einer Phase, in der die Einigkeit des Westens als wichtigstes Kapital gegen die russische Aggression gilt, wirken Schröders Worte wie Gift für die Allianz.

Die SPD und ihr ewiges Dilemma

Für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands bleibt Gerhard Schröder eine offene Wunde. Die Versuche, ihn aus der Partei auszuschließen, sind juristisch gescheitert, doch die politische Entfremdung ist total. Die Parteispitze um Lars Klingbeil und Saskia Esken hat sich längst distanziert, doch jedes neue Interview des Altkanzlers reißt die alten Debatten wieder auf. Es stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung eine Partei für ihren ehemaligen Vorsitzenden trägt, auch wenn dieser längst nicht mehr die aktuellen Werte der Partei vertritt.

Schröders Beharren auf seinen Positionen bringt die SPD immer wieder in Erklärungsnot. Gerade im Wahlkampf oder in sensiblen parlamentarischen Debatten wird die „Causa Schröder“ von politischen Gegnern genutzt, um die Glaubwürdigkeit der Sozialdemokraten in der Außenpolitik in Zweifel zu ziehen. Die Partei versucht, den Spagat zu meistern: Die historische Lebensleistung des Kanzlers der Agenda 2010 zu würdigen, ohne seine aktuelle geopolitische Verirrung zu legitimieren. Ein Unterfangen, das mit jedem pro-russischen Statement schwieriger wird.

Geopolitische Realität vs. Wunschdenken

Analysiert man die Aussagen Schröders nüchtern, so offenbart sich eine Diskrepanz zwischen seinem Weltbild und der geopolitischen Realität des Jahres 2024. Schröder scheint noch immer in der Logik der „Männerfreundschaften“ und der Hinterzimmer-Diplomatie verhaftet zu sein. Er glaubt an die Kraft persönlicher Beziehungen zu Autokraten, während die moderne internationale Politik von systemischen Konflikten und völkerrechtlichen Prinzipien bestimmt wird.

Sein Argument, die USA hätten den Frieden blockiert, ignoriert die Souveränität der Ukraine. Es impliziert, dass Kiew nur ein Befehlsempfänger Washingtons sei – eine Sichtweise, die dem ukrainischen Volk, das seit über zwei Jahren unter enormen Opfern für seine Freiheit kämpft, jede Eigenständigkeit abspricht. Diese Haltung wird von Kritikern als zutiefst zynisch empfunden. Sie verkennt, dass der Widerstandswille der Ukrainer nicht in Washington, sondern in den Ruinen von Mariupol und Charkiw geboren wurde.

Die Isolation des Altkanzlers

Was bleibt von Gerhard Schröder? Einst gefeiert für sein „Nein“ zum Irakkrieg, ist er heute weitgehend isoliert. Seine wenigen verbliebenen öffentlichen Auftritte finden oft in einem Kontext statt, der eher Mitleid als Respekt hervorruft. Er ist zur Persona non grata in den Kreisen geworden, die er einst dominierte. Dennoch – und das macht die Situation so komplex – verfügt er weiterhin über Netzwerke und eine mediale Reichweite, die nicht unterschätzt werden darf.

Seine Aussagen finden Widerhall in jenen Teilen der Bevölkerung, die der Unterstützung für die Ukraine skeptisch gegenüberstehen oder sich nach einer einfachen Lösung des Konflikts sehnen. Schröder bedient die Sehnsucht nach dem „guten alten Verhältnis“ zu Russland, auch wenn dieses Verhältnis auf der fatalen Abhängigkeit von billigem Gas basierte, deren Preis Deutschland heute wirtschaftlich zahlt. Insofern ist Schröder nicht nur ein politischer Rentner, der abstruse Thesen vertritt, sondern eine Symbolfigur für eine vergangenheitsorientierte Russlandpolitik, die in Deutschland noch immer Anhänger hat.

Ein Schaden für das Amt?

Die Debatte wirft auch eine grundsätzliche Frage auf: Wie sollte sich ein Bundeskanzler a.D. verhalten? In Deutschland gibt es keine festgeschriebenen Regeln, wohl aber einen ungeschriebenen Kodex der Zurückhaltung. Schröder hat diesen Kodex nicht nur gebrochen, er hat ihn zertrümmert. Seine Tätigkeit für russische Staatskonzerne war bereits während seiner aktiven Zeit als „Elder Statesman“ umstritten; im Kontext des Vernichtungskrieges wirkt sie auf viele wie Verrat an den Werten der Bundesrepublik.

Die Forderungen, ihm die Ausstattung seines Büros oder gar das Ruhegehalt zu streichen, sind Ausdruck dieser moralischen Empörung. Zwar hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits Mittel gekürzt, doch der symbolische Schaden lässt sich nicht budgetieren. Jeder Satz, der den russischen Angriffskrieg relativiert, beschädigt das Ansehen des Amtes, das Schröder einst innehatte.

Der Blick nach vorn: Konsequenzen für die Debattenkultur

Die Schärfe, mit der Roderich Kiesewetter und andere nun reagieren, zeigt, dass die Geduld im politischen Berlin am Ende ist. Es geht nicht mehr darum, unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Es geht darum, einer Erzählung entgegenzutreten, die als direkte Bedrohung für die sicherheitspolitische Ausrichtung Deutschlands wahrgenommen wird. Wenn Schröder behauptet, der Westen wolle keinen Frieden, spielt er mit den Ängsten der Menschen und sät Zweifel an der Notwendigkeit der Waffenlieferungen.

In einer Demokratie muss Widerspruch möglich sein. Doch wenn Widerspruch in die Verbreitung von Propaganda eines kriegsführenden Staates übergeht, ist die rote Linie überschritten. Die „entsetzliche“ Kritik an Schröder ist daher auch als Signal der Selbstvergewisserung zu verstehen: Deutschland steht an der Seite der Ukraine und lässt sich seine Geschichte nicht von denen umschreiben, die auf der falschen Seite des Tisches Platz genommen haben. Die Diskussion um Gerhard Schröder wird nicht verstummen, solange der Krieg tobt, aber die Fronten sind geklärter denn je.

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