Die Ukraine leidet unter einem kritischen Mangel an Raketen für moderne Luftverteidigungssysteme, die russische ballistische Flugkörper abfangen können. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Partner begründeten die geringeren Lieferungen offiziell mit der Eskalation im Nahen Osten. Zugleich schloss der ukrainische Staatschef nicht aus, dass die Einschränkung der Militärhilfe auch als politisches Druckmittel gegenüber Kiew eingesetzt wird. Dies berichtet die Webseite das-unternehmer-wissen mit einem Link zu n-tv.
Selenskyj vermutet politischen Hintergrund der geringeren Lieferungen
Wolodymyr Selenskyj sprach den Mangel an Flugabwehrraketen während einer Sitzung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine an. Nach seinen Worten erklären Vertreter der USA und europäischer Staaten die reduzierten Lieferungen vor allem mit den Kampfhandlungen im Nahen Osten.
Ein erheblicher Teil der verfügbaren Raketen für Patriot-Systeme sei zum Schutz amerikanischer Verbündeter vor möglichen iranischen Angriffen eingesetzt worden. Dadurch habe sich die Menge der Waffen verringert, die westliche Staaten der Ukraine zur Abwehr russischer Angriffe bereitstellen können.
Selenskyj betonte jedoch, dass die offizielle Erklärung möglicherweise nicht der einzige Grund für die entstandene Lage sei. Er schloss nicht aus, dass der Mangel an Luftverteidigungsmitteln genutzt werde, um die ukrainische Führung bei Verhandlungen zu einer nachgiebigeren Haltung zu bewegen.
„Möglicherweise ist dies auch ein politischer Schritt, um die Ukraine gefügiger zu machen. Meiner Ansicht nach spielt auch dieser Faktor eine gewisse Rolle“, sagte Selenskyj.
Er unterstrich, dass die geringeren Lieferungen angesichts der regelmäßigen russischen Raketenangriffe eine ernste Gefahr für die ukrainische Luftverteidigung darstellen.
Ukraine fordert 300 Patriot-Abfangraketen an
Kiew hatte seine Partner zuvor um die Lieferung von rund 300 Patriot-Abfangraketen gebeten. Diese sollten dazu dienen, das Land während des Winters besser zu schützen. Die Vereinigten Staaten unterstützten diese Anfrage jedoch nicht in vollem Umfang.
Die ukrainischen Luftverteidigungskräfte benötigen solche Raketen vor allem während massiver kombinierter Angriffe Russlands. Patriot-Systeme gehören weiterhin zu den wenigen verfügbaren Mitteln, die moderne ballistische Raketen wirksam abfangen können.
Die begrenzten Munitionsbestände zwingen das ukrainische Militär dazu, sorgfältig auszuwählen, welche Ziele bekämpft werden. Bei groß angelegten Angriffen steigt dadurch das Risiko, dass einzelne russische Raketen die Luftverteidigung durchdringen und zivile oder energetische Infrastruktur treffen.
Nach Angaben der ukrainischen Seite wurden zahlreiche bei westlichen Verbündeten vorhandene Patriot-Raketen in den vergangenen Monaten im Nahen Osten zur Abwehr iranischer Luftangriffe eingesetzt. Dies habe sich auf das Tempo ausgewirkt, mit dem die ukrainischen Bestände aufgefüllt werden.
Lieferungen auf ein Drittel des Niveaus von 2025 gesunken
Selenskyj erklärte, dass die Ukraine 2026 deutlich weniger Raketen zum Schutz vor ballistischen Angriffen erhalten habe als im Vorjahr. Nach seinen Angaben sank das Lieferungsvolumen auf ungefähr ein Drittel der Menge, die die Verbündeten 2025 bereitgestellt hatten.
Der ukrainische Präsident kritisiert öffentlich nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch europäische Staaten, die ebenfalls über Patriot-Systeme und entsprechende Munition verfügen. Kiew fordert, vorhandene Raketen aus den Beständen schneller an die Ukraine zu übergeben, da sie dort zum Schutz von Städten vor regelmäßigen Angriffen eingesetzt werden könnten.
Deutschland zählt weiterhin zu den wichtigsten Lieferanten von Patriot-Systemen für die Ukraine. Nach veröffentlichten Angaben übergab Berlin fünf solcher Systeme oder einzelne Systemkomponenten und beteiligte sich außerdem an der Organisation zusätzlicher Raketenlieferungen.
Die Zahl der Startgeräte allein löst das Problem jedoch nicht, wenn nicht genügend Abfangraketen vorhanden sind. Bei intensiven russischen Angriffen kann der Verbrauch der Munition deutlich höher ausfallen als das Produktions- und Liefertempo.
Auch SAMP/T-Systeme leiden unter Munitionsmangel
Neben den amerikanischen Patriot-Systemen setzt die Ukraine auch europäische Flugabwehrsysteme des Typs SAMP/T ein. Diese können ebenfalls bestimmte Arten ballistischer Ziele abfangen. Ihre Zahl und der verfügbare Raketenbestand sind jedoch begrenzt.
Militärexperten weisen darauf hin, dass der Ukraine möglicherweise nur noch sehr wenige Raketen für SAMP/T zur Verfügung stehen. Europäische Hersteller konnten ihre Produktion trotz des lang andauernden Krieges und der steigenden Nachfrage aus NATO-Staaten bislang nicht wesentlich erhöhen.
Die Produktionskapazitäten für amerikanische Patriot-Raketen sind deutlich größer. Die USA stellen jährlich rund 650 dieser Raketen her und haben Aufträge zur Ausweitung der Produktion vergeben. In den kommenden Jahren soll die Fertigungsmenge um ein Mehrfaches steigen.
Der Ausbau von Fabriken und Produktionslinien benötigt jedoch Zeit. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, bleibt die Verteilung der verfügbaren Raketen zwischen der Ukraine, den US-Streitkräften und den Verbündeten der Vereinigten Staaten eine zentrale Frage der Militärhilfe.
Trump nutzt Militärhilfe als Druckmittel
US-Präsident Donald Trump hat die weitere Unterstützung der Ukraine wiederholt mit dem Verlauf der Verhandlungen über ein Ende des Krieges verknüpft. Er erklärte, Kiew müsse sich stärker an der Suche nach einer Friedenslösung beteiligen, und stellte eine mögliche Kürzung der Militärhilfe in Aussicht.
Die ukrainische Führung betrachtet solche Äußerungen als zusätzlichen Unsicherheitsfaktor. Die Lieferung von Patriot-Raketen hängt nicht nur von den verfügbaren Beständen, sondern auch von politischen Entscheidungen der US-Regierung ab.
Selenskyj betont, dass die Ukraine die notwendigen Schritte für eine diplomatische Lösung unternehme, während Russland weiterhin massive Angriffe auf ukrainische Städte führe. Unter diesen Bedingungen fordert Kiew stabile Lieferungen von Luftverteidigungssystemen unabhängig vom Verlauf der Verhandlungen.
Besonders gefährlich ist der Raketenmangel vor Beginn der Heizperiode. In dieser Zeit könnten die russischen Streitkräfte ihre Angriffe auf Kraftwerke, Umspannwerke und andere Einrichtungen der Energieinfrastruktur verstärken. Die Ukraine hofft daher, noch vor der Phase der höchsten winterlichen Belastung zusätzliche Systeme und Munition aus den USA und von europäischen Partnern zu erhalten.
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