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Zocken verboten: Gegen Frankreich muss für Deutschland der „Big Point“ her

Es ist das „Finale vor dem Halbfinale“: Gegen Frankreich entscheidet sich das Schicksal der deutschen Handballer bei dieser EM. Nach dem kalkulierten Risiko gegen Dänemark müssen Wolff, Golla und Uscins nun liefern.

von Wolfgang Baumer
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Zocken verboten: Gegen Frankreich muss für Deutschland der „Big Point“ her

Es ist angerichtet für den großen Showdown. Wenn die deutsche Handball-Nationalmannschaft heute Abend auf Frankreich trifft, geht es nicht mehr um Schönspielerei, Taktiererei oder Kräfte-Management. Die Ausgangslage ist brutal und simpel zugleich: Verlieren verboten. Nach der kalkulierten Niederlage gegen Dänemark steht das Team von Bundestrainer Alfred Gislason vor dem wichtigsten Spiel des Turniers.

Wir bei Das Unternehmer Wissen haben die Entwicklung der Mannschaft über das gesamte Turnier hinweg genau beobachtet. Was wir sehen, ist eine Mannschaft, die spielerisch gereift ist, aber nun die ultimative Reifeprüfung bestehen muss. Es ist ein Klassiker, der in der Handballwelt seinesgleichen sucht. Deutschland gegen Frankreich – das ist Geschichte, Emotion und reiner Kampf. Doch dieses Mal ist die Brisanz kaum zu überbieten. Ein Unentschieden könnte bereits reichen, doch darauf zu spekulieren, wäre der erste Schritt in den Abgrund.

Das kalkulierte Risiko: War die Dänemark-Pleite ein Geniestreich?

Die Diskussionen nach der 26:31-Niederlage gegen Top-Favorit Dänemark waren hitzig. Alfred Gislason entschied sich bewusst dazu, Leistungsträger wie Andreas Wolff, Lukas Mertens und Lukas Zerbe über weite Strecken zu schonen. Ein Manöver, das in der Öffentlichkeit für Stirnrunzeln sorgte, aber aus analytischer Sicht durchaus Sinn ergibt. Gislason weiß: Gegen die übermächtigen Dänen wäre ein Sieg ein Bonus gewesen, der Kraftakt dafür aber immens.

Nun aber muss dieser Plan aufgehen. Die Schonung der Schlüsselspieler war eine Wette auf die Zukunft – und diese Zukunft ist das Spiel gegen Frankreich. Andreas Wolff, der bis dato ein überragendes Turnier spielte, muss ausgeruht und mit der Aura der Unbezwingbarkeit zwischen die Pfosten zurückkehren. Wenn dieser Plan scheitert und Deutschland gegen Frankreich ausscheidet, wird sich Gislason unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Geht er auf, wird man ihn als Taktikfuchs feiern.

Im modernen Handball, wo die Belastung durch die dichte Taktung der Spiele am Limit ist, ist Ressourcenmanagement kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Notwendigkeit. Aber es erhöht den Druck auf das „Alles-oder-Nichts-Spiel“ ins Unermessliche.

Frankreich: Der Wankende Riese oder das schlafende Monster?

Die französische Mannschaft hat bei diesem Turnier bisher zwei Gesichter gezeigt. Sie sind nicht mehr die unantastbare Übermacht vergangener Tage, die Gegner schon beim Aufwärmen psychologisch zerlegte. Sie sind verwundbar. Das haben andere Nationen in der Vorrunde bewiesen. Doch Vorsicht ist geboten: Gerade in K.o.-Spielen (und dieses Hauptrundenspiel hat faktisch K.o.-Charakter) neigen die Franzosen dazu, ihr Niveau explosionsartig zu steigern.

Die Physis der französischen Abwehr bleibt das Maß aller Dinge. Für die deutsche Rückraumreihe um Juri Knorr und den bei diesem Turnier explodierten Renars Uscins bedeutet das Schwerstarbeit. Es wird nicht reichen, den Ball nur laufen zu lassen. Deutschland muss in die „Schmerzzone“. Tore müssen erarbeitet, teilweise erzwungen werden.

Wie Focus Online berichtet, ist die Devise „Zocken verboten“ wörtlich zu nehmen. Jeder technische Fehler, jeder halbherzige Abschluss wird von den Franzosen gnadenlos per Tempogegenstoß bestraft. Das Rückzugsverhalten wird der Schlüssel sein, um die einfachen Tore des Gegners zu verhindern.

Der Faktor Uscins und die Last auf Knorrs Schultern

Besonders im Fokus steht Renars Uscins. Der Linkshänder hat sich in den letzten Monaten zu einer unverzichtbaren Waffe im rechten Rückraum entwickelt. Seine Unbekümmertheit, gepaart mit einer enormen Wurfgewalt, könnte genau das Mittel sein, um den französischen Betonblock zu knacken. Er bringt eine Dynamik mit, die statische Abwehrreihen vor Probleme stellt.

Doch die Fäden zieht weiterhin Juri Knorr. Seine Aufgabe wird es sein, die Balance zwischen eigenem Abschluss und dem In-Szene-Setzen seiner Nebenleute zu finden. Gegen Frankreichs offensive Deckungsvarianten braucht Knorr kühlen Kopf und schnelle Beine. Wenn er sich in Eins-gegen-Eins-Duellen aufreibt, gewinnt Frankreich. Wenn er den Ball schnell macht und die Lücken für die Kreisläufer Johannes Golla und Jannik Kohlbacher reißt, hat Deutschland eine echte Chance.

Golla, der Kapitän, ist ohnehin das Herzstück der deutschen Defensive. Sein Duell am Kreis gegen die französischen Kolosse wird entscheidend sein. Hier wird das Spiel oft gewonnen oder verloren, fernab der spektakulären Rückraumwürfe.

Erinnerungen an Olympia 2024: Der Mutmacher

Es gibt einen Grund für Optimismus, und der liegt gar nicht so lange zurück. Der epische Sieg im Viertelfinale der Olympischen Spiele 2024 gegen Frankreich in deren eigener Halle hat gezeigt: Diese deutsche Mannschaft kann Frankreich schlagen. Damals war es ein Sieg des Willens, der Moral und einer unglaublichen Crunchtime-Performance.

Diese Bilder müssen in den Köpfen der Spieler präsent sein. Der Respekt vor dem großen Namen „Frankreich“ ist gewichen. An seine Stelle ist das Wissen getreten, dass man auf Augenhöhe agiert. Nils Lichtlein brachte es treffend auf den Punkt: „Wir können alles gewinnen.“ Diese Mentalität braucht es heute. Kein Zaudern, kein Hadern mit Schiedsrichterentscheidungen, sondern volle Fokussierung auf die nächste Aktion.

Taktische Nuancen: Wo das Spiel entschieden wird

Alfred Gislason wird sein Team vermutlich auf eine extrem bewegliche 6:0-Abwehr einstellen, die aber punktuell heraustreten muss, um den französischen Rückraumschützen die Distanzwürfe zu nehmen. Die Zusammenarbeit zwischen Block und Torwart Andreas Wolff war bisher das Prunkstück des deutschen Spiels – abgesehen vom Dänemark-Spiel, wo die Abstimmung aufgrund der Rotationen fehlte.

Im Angriff muss Deutschland die Breite des Spielfeldes nutzen. Die Außen, egal ob Mertens oder Dahmke, müssen in das Spiel eingebunden werden, um die französische Abwehr auseinanderzuziehen. Ein zu zentriertes Spiel spielt der Physis der Franzosen in die Karten.

Ein weiterer Aspekt ist das Tempospiel. Deutschland hat bei diesem Turnier gezeigt, dass sie „die zweite Welle“ beherrschen. Gegen Frankreich, das im Rückzug manchmal zur Nachlässigkeit neigt, könnten diese „einfachen“ Tore aus der schnellen Mitte Gold wert sein. Aber auch hier gilt: Risikoabwägung. Ein Fehlpass im Aufbau ist tödlich.

Fazit: Charaktertest für die Heimreise oder das Halbfinale

Es ist mehr als nur ein Spiel um zwei Punkte. Es ist ein Charaktertest für diese Generation. Ein Sieg (oder das nötige Unentschieden) würde das Tor zum Halbfinale weit aufstoßen und eine Euphoriewelle entfachen, die das Team bis zum Titel tragen könnte. Eine Niederlage würde bedeuten, dass man trotz guter Ansätze wieder einmal den letzten Schritt zur absoluten Weltspitze verpasst hat.

Die Mannschaft hat es selbst in der Hand. Die Schonung der Stars gegen Dänemark hat die Beine frisch gemacht, jetzt muss der Kopf folgen. Wenn die Leidenschaft stimmt und die taktische Disziplin über 60 Minuten gehalten wird, dann ist der Einzug ins Halbfinale nicht nur ein Traum, sondern realistische Machbarkeit. Deutschland ist bereit. Frankreich wartet. Mögen die Spiele beginnen.

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