Startseite FinanzenLula gewinnt Stichwahl in Brasilien: Was Real-Absturz und Kursrutsch für Anleger und Exporteure bedeuten

Lula gewinnt Stichwahl in Brasilien: Was Real-Absturz und Kursrutsch für Anleger und Exporteure bedeuten

von Wolfgang Baumer
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Das Gebäude des brasilianischen Nationalkongresses in Brasília

Luiz Inácio Lula da Silva bleibt Präsident Brasiliens, und die Finanzmärkte reagieren mit einem Ausverkauf. Nach Auszählung fast aller Stimmen kam der 80-Jährige in der Stichwahl am Sonntag auf rund 51,8 Prozent, sein Herausforderer Flávio Bolsonaro auf rund 48,2 Prozent. Noch bevor die Börse in São Paulo am Montag öffnete, verlor ein in Tokio gehandelter Indexfonds auf brasilianische Aktien zeitweise rund 15 Prozent, und Terminkontrakte auf den Real gaben im asiatischen Handel um rund neun bis zehn Prozent nach. Für deutsche Anleger mit Brasilien-ETFs bedeutet das ein doppeltes Risiko aus Kursverlust und Währungsverlust. Für Exporteure mit Kunden in Brasilien verschieben sich Preise und Zahlungsrisiken.

Das Wahlergebnis und seine Unsicherheiten

Es wurde knapp. Nach Angaben von ZDFheute hatte Flávio Bolsonaro in der ersten Runde noch mehr als zwei Millionen Stimmen Vorsprung. Medienberichten zufolge ist Lula der erste Kandidat seit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie, der nach einem zweiten Platz im ersten Wahlgang die Stichwahl gewinnt. Lula regierte das Land bereits von 2003 bis 2010.

Bolsonaro will die Wahl anfechten

Der 45-jährige Senator, Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, erkannte das Ergebnis nicht an und kündigte an, die Annullierung der Wahl zu verlangen. Er verweist auf die gerichtlich angeordnete Verlängerung der Öffnungszeiten von Wahllokalen nach Störungen im Nahverkehr und auf Starkregen im Süden und Südosten, wo er viele Anhänger hat. Ob daraus ein ernsthaftes Verfahren wird, ist offen, doch für Märkte, die ohnehin auf eine andere Regierung gesetzt hatten, ist schon die Aussicht auf einen wochenlangen Streit um die Legitimität des Ergebnisses ein zusätzlicher Belastungsfaktor.

Ein schwieriger Kongress

Lula muss mit einem Parlament regieren, in dem die Rechte in der ersten Runde deutlich zugelegt hat. Der Politikanalyst Creomar de Souza nannte den Kongress den konservativsten seit dem Ende der Militärdiktatur. Für große Haushaltsreformen braucht Lula deshalb Koalitionen, die er erst schmieden muss, und genau das macht Investoren skeptisch, ob versprochene Sparziele je erreicht werden.

Banknoten zu 20 Brasilianischen Real
Foto: Oleg Yunakov, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Warum die Märkte so heftig reagieren

Viele Investoren hatten auf einen Sieg Bolsonaros gesetzt. Nach der ersten Runde Anfang Oktober stieg der Leitindex Ibovespa an einem einzigen Handelstag um fast acht Prozent auf ein Rekordhoch, und die Deutsche Börse registrierte Mitte Oktober eine ungewöhnlich hohe Nachfrage nach Brasilien-ETFs. Diese Wetten platzen jetzt.

Die Zahlen vom Montagmorgen

Der Dollar hatte am Freitag bei rund 4,98 Real geschlossen. Terminkontrakte in Chicago deuteten laut Bloomberg auf einen Kurs von bis zu 5,60 Real je Dollar hin, ein Minus von mehr als zehn Prozent für die brasilianische Währung. Der in New York gehandelte iShares MSCI Brazil ETF fiel nachbörslich zeitweise um mehr als 19 Prozent. Die Investmentfirma Monte Bravo hielt einen Rückgang des Ibovespa um bis zu elf Prozent zur Eröffnung für möglich. Wie tief es am Ende des Tages tatsächlich geht, war bei Redaktionsschluss noch offen, denn Terminhandel am Sonntagabend ist dünn und überzeichnet Bewegungen oft.

Die Sorge um den Staatshaushalt

Es geht ums Geld. Die Staatsverschuldung liegt bei mehr als 82 Prozent der Wirtschaftsleistung, so hoch wie seit der Pandemie nicht mehr. Investoren befürchten, dass Lula Sozialprogramme und staatliche Investitionen ausbaut, ohne die Ausgaben zu begrenzen. Die Regierung strebt bis 2030 einen Primärüberschuss von etwa 1,3 Prozent des BIP an, einen konkreten Plan dafür sehen Marktbeobachter bisher nicht. Goldman Sachs erwartet in Lulas vierter Amtszeit allenfalls bescheidene Fortschritte beim Sparen.

Hohe Zinsen, schwaches Wachstum

Der Leitzins Selic liegt bei 14 Prozent. Die Inflation erreichte im September 4,58 Prozent und lag damit knapp über der Obergrenze des Zielbands von 4,5 Prozent, was der Notenbank wenig Spielraum für Zinssenkungen lässt, obwohl die Konjunktur schwächelt: Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaft nur um 0,5 Prozent, der private Konsum schrumpfte, die Kreditausfälle privater Haushalte erreichten den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Der Arbeitsmarkt hält: 5,4 Prozent Arbeitslosigkeit im Juli. In einer Citigroup-Umfrage unter 73 Investoren rechnete die Mehrheit für den Fall eines Lula-Siegs mit deutlich steigenden Zinsen.

Was das für deutsche Anleger bedeutet

Wer einen breiten Weltaktien-ETF auf den MSCI World besitzt, ist von Brasilien nicht direkt betroffen, denn der Index enthält nur Industrieländer. Welche Klumpenrisiken stattdessen in solchen Fonds stecken, haben wir in unserer Analyse zur großen MSCI-World-Illusion beschrieben. Brasilien taucht dagegen in Schwellenländer-ETFs auf, dort als eines von vielen Ländern.

Das doppelte Risiko bei Brasilien-ETFs

Härter trifft es Anleger, die gezielt auf Brasilien gesetzt haben. Ein Fonds wie der iShares MSCI Brazil enthält große Werte wie Petrobras, Vale und mehrere Großbanken. Fallen die Aktien und zugleich der Real gegenüber dem Euro, addieren sich die Verluste in Euro gerechnet, solange die Position nicht währungsgesichert ist. Die ersten Verkäufe trafen besonders Banken und staatsnahe Unternehmen.

Panik ist ein schlechter Ratgeber

Ein Teil des Ausverkaufs geht auf Anleger zurück, die auf Bolsonaro gewettet hatten und nun ihre Positionen schließen. Eine akute Wirtschaftskrise folgt daraus nicht automatisch, auch wenn die Bilder vom Montagmorgen dramatisch wirken und Schlagzeilen bereits vom Chaos sprechen. Wichtige Signale für die nächsten Wochen sind die Wahl des Finanzministers und die Haushaltsrichtlinien für 2027. Wer langfristig und breit gestreut anlegt, sollte prüfen, ob die Gewichtung noch zur eigenen Strategie passt. Grundlagen dazu stehen in unserem Beitrag zum langfristigen Vermögensaufbau mit ETFs.

Was das für Unternehmen mit Brasilien-Geschäft bedeutet

Ein schwacher Real verteuert Waren aus Europa für brasilianische Kunden, und zwar unabhängig davon, ob der Lieferant in Euro oder in Real abrechnet. Wer in Euro fakturiert, trägt kein direktes Währungsrisiko, muss aber damit rechnen, dass Abnehmer Bestellungen strecken oder nachverhandeln. Wer in Real fakturiert, verliert bei offenen Forderungen in Euro gerechnet unmittelbar an Wert.

Konkrete Schritte für Exporteure

Zuerst gehören alle offenen Forderungen, laufenden Aufträge und Rahmenverträge mit Bezug zu Brasilien auf den Tisch, getrennt nach Fakturierungswährung und Fälligkeit, damit klar wird, wie groß das Risiko tatsächlich ist und ob sich eine Absicherung über Devisentermingeschäfte lohnt. Dann die Hausbank anrufen. Zahlungsziele für neue Aufträge sollten an das gestiegene Risiko angepasst werden, bei Neukunden kann ein Akkreditiv oder eine Exportkreditversicherung helfen. Steigen die Zinsen in Brasilien weiter, verteuert das auch die Finanzierung für dortige Kunden. Das drückt auf die Zahlungsmoral. Wie politische Krisen in einem wichtigen Absatzmarkt auf deutsche Firmen durchschlagen, zeigte zuletzt die Lage in Frankreich.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage- oder Finanzberatung dar. Die Kursangaben beziehen sich auf den Stand Montagmorgen und können sich im Tagesverlauf deutlich ändern. Entscheidungen über Wertpapiere oder Währungsabsicherungen sollten mit einer unabhängigen Beratung oder der Hausbank abgestimmt werden.

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