Startseite PolitikUnruhen und Rendite bei 5 Prozent: Was die Krise in Frankreich für deutsche Unternehmen bedeutet

Unruhen und Rendite bei 5 Prozent: Was die Krise in Frankreich für deutsche Unternehmen bedeutet

von Wolfgang Baumer
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Palais Bourbon in Paris, Sitz der französischen Nationalversammlung

Nach den schwersten Ausschreitungen seit Jahren ringt Frankreich um Stabilität, und die Frage, ob das Land ein Vorbote für Deutschland ist, beschäftigt inzwischen auch die Talkshows: Der ARD-Presseclub hat sie unter dem Titel „Wenn Wut eskaliert“ aufgegriffen, die Sendung gehört an diesem Sonntag zu den Suchtrends in Deutschland. Für deutsche Unternehmen ist eine andere Frage dringlicher. Frankreich war 2025 das zweitwichtigste Abnehmerland deutscher Exporte, und an den Finanzmärkten wird das Land gerade deutlich kritischer bewertet als noch im Sommer. Was in Paris, Lille oder Bordeaux passiert, landet deshalb schnell in den Auftragsbüchern deutscher Mittelständler.

Was in Frankreich passiert ist

Auslöser waren Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und Kürzungen bei öffentlichen Leistungen. Ihnen ging eine wochenlange Bewegung von Schülern und Studierenden voraus, über die wir bereits im Zusammenhang mit den Blockaden an Hunderten französischen Schulen berichtet haben. Am Wochenende des 17. und 18. Oktober schlugen Teile der Proteste in Gewalt und Plünderungen um.

Die Bilanz der Krawalle

Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez, die Reuters wiedergab, nahm die Polizei landesweit 2.400 Menschen fest, fast 1.000 Beamte wurden verletzt. An einem Samstag gingen mehr als 500.000 Menschen in zahlreichen Städten auf die Straße, die große Mehrheit friedlich. In Limoges wurde das Rathaus in Brand gesetzt. Der Handel traf es direkt: Carrefour-Chef Alexandre Bompard sagte dem Sender BFMTV, 50 Märkte seien beschädigt und 20 davon geplündert worden, der Schaden bewege sich im zweistelligen Millionenbereich.

Die Reaktion der Regierung

Präsident Emmanuel Macron rief zur Ruhe auf, verhängte aber keinen Ausnahmezustand. Stattdessen dürfen die Präfekten Demonstrationen verbieten, um öffentliche Gebäude und Geschäfte zu schützen. Premierminister Sébastien Lecornu ließ zudem nächtliche Ausgangssperren nach Bedarf verhängen, berichtet wurde etwa aus Teilen von Paris, Lille, Nizza und Bordeaux. Wirtschaftsminister Roland Lescure sagte betroffenen Geschäftsleuten Unterstützung zu. Politisch verschärft die Lage den Wahlkampf: Macrons Amtszeit endet 2027, und die Bilder der Gewalt prägen die Debatte um seine Nachfolge.

Warum die Märkte nervös werden

Die Unruhen fallen in eine Phase, in der Frankreichs Staatsfinanzen ohnehin unter Druck stehen. Am 21. Oktober stieg die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen nach einem Bericht des Handelsblatts erstmals seit 2002 auf 5,00 Prozent. Im Juli hatte sie noch bei rund 3,6 Prozent gelegen, Ende August überschritt sie die Marke von 4 Prozent. Das ist ein Sprung von rund 1,4 Prozentpunkten in drei Monaten.

Haushalt ohne Mehrheit

Die Regierung Lecornu will für 2027 Einsparungen von 43 Milliarden Euro durchsetzen, hat dafür im Parlament aber keine Mehrheit. Die Schuldenquote dürfte in diesem Jahr auf knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, die Maastricht-Grenze liegt bei 60 Prozent. Der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen erreichte nach Berechnungen des Portals Finanzmarktwelt 159 Basispunkte, den höchsten Stand seit 15 Jahren. Anleger verlangen also einen deutlich höheren Aufschlag dafür, Frankreich Geld zu leihen.

Was höhere Renditen für die Realwirtschaft heißen

Staatsanleihen sind ein Referenzwert für viele andere Kredite. Steigen die Renditen dauerhaft, verteuern sich in der Regel auch Unternehmenskredite und Immobilienfinanzierungen im betroffenen Land. Französische Kunden deutscher Zulieferer könnten dadurch vorsichtiger investieren oder Zahlungen strecken. Ob es so kommt, hängt davon ab, wie lange der Druck anhält und ob die Regierung einen Haushalt durchbringt.

Blick vom Eiffelturm auf das Pariser Geschäftsviertel La Défense
Foto: Gugalcrom123, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Wie eng Deutschland mit Frankreich verflochten ist

Deutsche Unternehmen exportierten 2025 Waren im Wert von 117,4 Milliarden Euro nach Frankreich, zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Nur in die USA ging mehr, wie das Statistische Bundesamt meldet. Während die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten um 9,4 Prozent einbrachen, legte das Geschäft mit dem Nachbarland zu. Frankreich war also zuletzt einer der stabileren Märkte für die deutsche Industrie.

Wer besonders betroffen sein kann

Am direktesten spüren Unternehmen die Lage, die in Frankreich eigene Filialen, Lager oder Baustellen betreiben. Ausgangssperren und Demonstrationsverbote können Öffnungszeiten, Lieferfenster und Montageeinsätze verschieben. Exporteure ohne eigene Präsenz trifft eher die zweite Welle: Kunden, deren Geschäft unter Plünderungen, Umsatzausfällen oder steigenden Finanzierungskosten leidet. Hinzu kommt die Unsicherheit über den Kurs nach der Präsidentschaftswahl 2027, die Investitionsentscheidungen auf beiden Seiten des Rheins bremsen kann.

Was deutsche Unternehmen jetzt prüfen sollten

Ein nüchterner Blick auf die eigenen Risiken lohnt sich, gerade bei Betrieben mit hohem Frankreich-Anteil am Umsatz.

Forderungen und Zahlungsziele

Offene Posten bei französischen Kunden gehören jetzt auf Wiedervorlage. Bei neuen Aufträgen mit großem Volumen können kürzere Zahlungsziele, Anzahlungen oder eine Warenkreditversicherung das Ausfallrisiko begrenzen. Wer bereits eine Kreditversicherung hat, sollte prüfen, ob die Limite für französische Abnehmer noch zur Auftragslage passen.

Logistik und Personal vor Ort

Für Lieferungen in Städte mit Ausgangssperren lohnt die Abstimmung mit Spediteuren über Zeitfenster und Alternativrouten. Beschäftigte, die zu Montage- oder Serviceeinsätzen nach Frankreich reisen, brauchen aktuelle Informationen, wobei die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts die erste Anlaufstelle sind und lokale Partner oft schneller wissen, welche Viertel gerade betroffen sind. Das spart Fahrten ins Leere.

Die größere Lage im Blick behalten

Dazu kommt Gegenwind von anderer Seite. Die hohen Energiepreise infolge der Ölkrise mit Preisen über 100 Dollar belasten Betriebe auf beiden Seiten der Grenze. Hinzu kommen Verpflichtungen aus gemeinsamen europäischen Schulden, etwa die Rückzahlung des EU-Corona-Fonds, an der sich Deutschland beteiligt. Gerät ein großes Euroland wie Frankreich dauerhaft unter Druck, kann das über Wechselwirkungen am Anleihemarkt auch die Finanzierungsbedingungen in Deutschland berühren.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Finanz- oder Rechtsberatung dar. Entscheidungen über Kreditlimite, Absicherungen oder Investitionen sollten mit Steuerberatung, Hausbank oder Kreditversicherer abgestimmt werden.

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