Von der Redaktion – 5. Februar 2026
Die deutsche Außenpolitik erlebt eine spürbare Kurskorrektur. Während die Vorgängerregierung oft einen schwierigen Spagat zwischen wertebasierter Außenpolitik und ökonomischen Notwendigkeiten versuchte, setzt Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner ersten großen Reise in die Golfregion auf klare, pragmatische Linien. Begleitet von einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation, besuchte der Kanzler am Mittwoch Riad, um mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zusammenzutreffen. Für deutsche Unternehmer und Investoren signalisiert dieser Besuch mehr als nur diplomatische Höflichkeit: Es ist der Startschuss für eine intensivierte wirtschaftliche Zusammenarbeit, die frei von den Blockaden der letzten Jahre sein soll.
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Der neue Pragmatismus: Wirtschaft vor Moral?
Die Stationen der Reise – Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – sind sorgfältig gewählt. Es geht um Energie, Investitionen und, ein Thema, das in Berlin lange tabuisiert wurde: Rüstungsgüter. Wie die Tagesschau berichtet, macht die Bundesregierung unter Merz deutlich, dass sie die Golfstaaten nicht länger unter Generalverdacht stellt. „Wir brauchen verlässliche Partner in der Region, und Vertrauen ist keine Einbahnstraße“, ließ Regierungskreisen zufolge der Tenor der Gespräche verlauten.
Rüstungsexporte als Vertrauenswährung
Ein zentraler Punkt der Agenda ist die Neuausrichtung der Rüstungsexportpolitik. Jahrelang waren Lieferungen, insbesondere des Eurofighters an Saudi-Arabien, durch das Veto der Grünen in der Ampel-Koalition blockiert. Die neue Bundesregierung signalisiert hier eine Kehrtwende. Für die deutsche Rüstungsindustrie, aber auch für Zulieferer im High-Tech-Sektor, bedeutet dies Planungssicherheit und die Wiedereröffnung eines milliardenschweren Marktes.
Experten werten dies nicht als bloßen Kotau vor finanzieller Macht, sondern als strategische Notwendigkeit. In einer Welt, in der Sicherheitsarchitekturen bröckeln, sieht Berlin die Stabilität der Golfregion als essenzielles deutsches Interesse an. Die Botschaft an die Wirtschaft ist klar: Politische Restriktionen werden dort abgebaut, wo sie strategischen Partnerschaften im Wege stehen.
Energiepartnerschaft 2.0: Wasserstoff und mehr
Neben der Sicherheitspolitik steht die Energieversorgung im Fokus. Die von Bundesministerin Katharina Reiche vorangetriebenen Energiepartnerschaften zielen nicht mehr nur auf den Import fossiler Brennstoffe ab, sondern fokussieren sich stark auf die Zukunftstechnologie Wasserstoff.
Saudi-Arabien und die VAE investieren massiv in „Grünen Wasserstoff“ und Solarenergie. Für deutsche Maschinenbauer und Anlagenbauer eröffnen sich hier enorme Exportchancen. Projekte wie NEOM in Saudi-Arabien benötigen genau die Technologie, in der Deutschland (noch) Weltmarktführer ist:
- Effiziente Elektrolyseure
- Intelligente Logistiklösungen
- Infrastruktur für Smart Cities
Der Besuch des Kanzlers dient hier als „Türöffner“. In der arabischen Geschäftswelt ist die politische Flankierung von Großprojekten oft der entscheidende Faktor für den Zuschlag. Dass Merz persönlich vor Ort ist und die Bedeutung der Region betont, wird in Riad und Abu Dhabi genau registriert.
Rechtliche Rahmenbedingungen für den Mittelstand
Für den deutschen Mittelstand (KMU) bringt diese politische Annäherung rechtliche Erleichterungen, aber auch neue Compliance-Herausforderungen.
- Investitionsschutz: Es ist zu erwarten, dass bestehende Investitionsschutzabkommen modernisiert werden, um deutschen Firmen mehr Sicherheit bei Joint Ventures zu bieten.
- Lokalisierungszwang: Saudi-Arabien drängt mit seiner „Vision 2030“ darauf, dass ausländische Firmen ihre regionalen Hauptquartiere nach Riad verlegen. Die politische Rückendeckung durch das Kanzleramt könnte hier für deutsche Firmen Ausnahmeregelungen oder Übergangsfristen erleichtern.
- Lieferkettengesetz: Trotz der politischen Annäherung bleibt das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) in Kraft. Unternehmer müssen weiterhin sicherstellen, dass ihre Partner vor Ort Menschenrechtsstandards einhalten. Hier wandert der Kanzler auf einem schmalen Grat: Er wirbt für Geschäfte, darf aber die gesetzlichen Vorgaben der eigenen Justiz nicht untergraben.
Katar und VAE: Diversifizierung als Strategie
Nach Saudi-Arabien stehen Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate auf dem Reiseplan. Auch hier zeigt sich das Muster der Diversifizierung. Während Katar als LNG-Lieferant essenziell bleibt, sind die VAE der primäre Hub für deutsche Logistik und Handel in der Region.
Die mitreisende Wirtschaftsdelegation, die von DAX-Konzernen bis zu „Hidden Champions“ reicht, nutzt die Reise für konkrete Vertragsabschlüsse. Es wird erwartet, dass insbesondere im Bereich der Digitalisierung und der Infrastruktur (Stichwort: Siemens und die Metro Riad) neue Kooperationsverträge unterzeichnet werden.
Ausblick: Eine dauerhafte Kursänderung?
Die Reise von Friedrich Merz markiert das Ende der „Moral-First“-Politik in der Region, die oft zu diplomatischen Verstimmungen führte, ohne die Lage der Menschenrechte vor Ort messbar zu verbessern. Der neue Ansatz lautet „Wandel durch Handel und strategische Bindung“.
Für deutsche Unternehmer bedeutet dies: Das politische Risiko für Engagements in der Golfregion sinkt, das wirtschaftliche Potenzial steigt. Dennoch bleibt Wachsamkeit geboten. Die Region ist volatil, und die Compliance-Anforderungen bleiben komplex. Doch das Signal aus Berlin ist unmissverständlich: Die Bundesregierung steht wieder hinter der deutschen Exportwirtschaft – auch in schwierigen Märkten.