Es ist das Szenario, das jeder Finanzvorstand und jeder Kleinunternehmer fürchtet: Am Stichtag für Gehaltszahlungen und monatliche Daueraufträge versagt die digitale Infrastruktur. Am heutigen Freitag, den 30. Januar 2026, melden Tausende Kunden der ING massive Probleme beim Zugriff auf ihre Konten. Was für Privatkunden ein Ärgernis ist, kann für Geschäftskunden schnell zur haftungsrechtlichen Falle werden. Dieser Vorfall unterstreicht drastisch die Notwendigkeit robuster Ausfallkonzepte im betrieblichen Finanzwesen.
Die Abhängigkeit von rein digitalen Banklösungen hat in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Filialschließungen und die Attraktivität von Direktbanken haben dazu geführt, dass auch viele Freiberufler und KMU ihre Transaktionen ausschließlich online abwickeln. Doch wenn der Server schweigt, steht das Geschäft still. Wer sich proaktiv gegen solche Szenarien absichern möchte, findet auf <a href=“https://das-unternehmer-wissen.de/„>das-unternehmer-wissen.de</a> umfassende Leitfäden zu Liquiditätsmanagement und Multi-Banking-Strategien. Doch analysieren wir zunächst die aktuelle Akutsituation.
Der Status Quo: Nichts geht mehr
Wie t-online aktuell berichtet, sind die Störungen bei der ING (ehemals ING-DiBa) weitreichend. Nutzer berichten übereinstimmend, dass weder der Login über die Smartphone-App noch über das Web-Interface möglich ist. Fehlermeldungen variieren von „Technischer Fehler“ bis hin zu Timeouts.
Besonders brisant ist das Timing. Der 30. Januar ist ein klassischer „Ultimo“-Tag. An diesem Freitag werden in Deutschland Millionen von Transaktionen initiiert:
- Gehaltsläufe: Viele Unternehmen weisen Gehälter am vorletzten Arbeitstag des Monats an.
- Mietzahlungen: Daueraufträge für Büromieten und Leasingraten werden fällig.
- Steuerfristen: Eventuelle Nachzahlungen oder Umsatzsteuervoranmeldungen (bei Fristverlängerung) müssen terminiert werden.
Ein Ausfall an einem solchen Tag potenziert den wirtschaftlichen Schaden im Vergleich zu einer Störung in der Monatsmitte um ein Vielfaches.
Rechtliche Implikationen: Wer haftet bei Zahlungsverzug?
Für Unternehmer stellt sich sofort die Frage: Bin ich haftbar, wenn die Bank streikt? Die Rechtslage ist hier differenziert zu betrachten und birgt Fallstricke.
1. Lohn- und Gehaltszahlungen
Arbeitgeber sind vertraglich verpflichtet, das Entgelt zum vereinbarten Zeitpunkt (meist Monatsende) zur Verfügung zu stellen. Kommt das Geld zu spät an, gerät der Arbeitgeber in Verzug. Zwar gilt im deutschen Recht der Grundsatz, dass „Geldhasenschulden“ Bringschulden sind, doch muss der Schuldner das Leistungshindernis nicht vertreten, wenn es außerhalb seiner Einflusssphäre liegt (§ 286 BGB).
- Das Risiko: Ein technischer Defekt bei der Bank des Arbeitgebers entlastet diesen nicht automatisch. Die Rechtsprechung tendiert dazu, dass das „Wegerisiko“ des Geldes beim Schuldner liegt. Wenn ein Unternehmen erst am allerletzten Tag („auf den letzten Drücker“) überweist, könnte ihm Fahrlässigkeit vorgeworfen werden, da technische Störungen als allgemeines Lebensrisiko gelten.
- Die Konsequenz: Mitarbeiter könnten theoretisch Verzugszinsen geltend machen oder im Extremfall (bei wiederholten Vorfällen) ein Zurückbehaltungsrecht ihrer Arbeitsleistung ausüben. Viel gravierender ist jedoch der Vertrauensschaden in der Belegschaft.
2. B2B-Geschäfte und Skonto
Im geschäftlichen Verkehr sind die Folgen oft direkter monetär messbar. Viele Rechnungen werden „innerhalb von 10 Tagen mit 2 % Skonto“ beglichen. Fällt das Banking-System am 10. Tag aus und die Überweisung geht erst am 11. Tag ein, verfällt der Skonto-Anspruch. Bei hohen Rechnungssummen im Einkauf summiert sich dieser Schaden schnell auf tausende Euro. Ob die ING für diesen Schaden haftbar gemacht werden kann, ist fraglich. In den AGB der meisten Banken wird die Haftung für technische Störungen (sofern kein Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit vorliegt) weitgehend ausgeschlossen. Der Unternehmer bleibt also auf dem Schaden sitzen.
IT-Sicherheit und Systemstabilität: Ein strukturelles Problem?
Der heutige Ausfall bei der ING reiht sich ein in eine Serie von IT-Pannen bei deutschen Finanzinstituten in den letzten Jahren (man erinnere sich an die Postbank-Migration oder Ausfälle bei den Sparkassen). Aus IT-forensischer Sicht gibt es meist drei Hauptursachen für solche „Blackouts“:
- DDoS-Attacken: Cyberkriminelle überfluten die Server mit Anfragen, um sie lahmzulegen. Dies ist in der aktuellen geopolitischen Lage ein realistisches Szenario.
- Software-Updates: Oft werden Updates in der Nacht eingespielt. Wenn diese fehlerhaft sind („Bugs“), kollabiert das System unter der morgendlichen Last der User-Anfragen.
- Legacy-Systeme: Viele Banken operieren im Kern (Core Banking System) noch mit veralteter Infrastruktur, die mit modernen Front-End-Apps verknüpft wird. Diese Schnittstellen sind extrem fehleranfällig.
Die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) schreibt in den BAIT (Bankaufsichtliche Anforderungen an die IT) strenge Verfügbarkeitskriterien vor. Sollte sich herausstellen, dass die ING hier systemische Mängel in der Redundanz hat, drohen aufsichtsrechtliche Konsequenzen. Für den Kunden hilft das im Moment des Logins jedoch wenig.
Strategien für Unternehmer: Raus aus der Abhängigkeit
Der aktuelle Vorfall ist ein Weckruf („Wake-up Call“) für das betriebliche Treasury-Management. Ein Unternehmen, das nur eine Bankverbindung hat, handelt fahrlässig.
Multi-Banking als Standard
Jedes Unternehmen, unabhängig von der Größe, sollte über mindestens zwei operativ nutzbare Bankverbindungen verfügen.
- Diversifikation: Ein Konto bei einer Direktbank (wie ING) für günstige Konditionen und ein Konto bei einer Filialbank (Sparkasse, Volksbank, Deutsche Bank) als Backup.
- Liquiditätsverteilung: Es reichtn nicht, das Konto nur zu haben; es muss auch Liquidität darauf vorhanden sein, um im Notfall Gehälter oder kritische Lieferantenrechnungen von dort begleichen zu können.
Echtzeit-Überweisungen (Instant Payment)
Wenn das System nach einer Störung wieder anläuft, ist Eile geboten. Normale SEPA-Überweisungen dauern oft einen Arbeitstag. Instant Payments (Echtzeitüberweisungen) werden binnen Sekunden verbucht. Unternehmen sollten prüfen, ob ihre Banksoftware und ihre Verträge diese Option standardmäßig zulassen, um Verzögerungen nach einem Systemausfall sofort aufzuholen.
Kommunikationsstrategie
Krisenmanagement ist Kommunikation. Wenn absehbar ist, dass Gelder heute nicht mehr rausgehen:
- Informieren Sie die Belegschaft proaktiv („Wegen technischer Störung bei der Bank XY…“).
- Kontaktieren Sie wichtige Lieferanten. Ein Anruf vor dem Zahlungsausfall schafft Vertrauen; Schweigen zerstört es.
Der volkswirtschaftliche Schaden
Man darf die makroökonomische Dimension solcher Störungen nicht unterschätzen. Wenn Millionen von Kunden über Stunden keinen Zugriff auf ihre Konten haben, stockt der Konsum (E-Commerce-Käufe werden abgebrochen) und der Investitionsfluss wird gehemmt. Die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs bringt enorme Effizienzgewinne, schafft aber auch eine „Single Point of Failure“-Struktur. Bargeldlose Gesellschaften sind effizient, aber fragil. Der heutige Freitag zeigt, wie schnell aus einer technischen Unannehmlichkeit ein betriebswirtschaftliches Risiko wird.
Blick in die Zukunft: Resilienz statt nur Effizienz
Die ING wird das Problem sicherlich zeitnah beheben. Die Techniker arbeiten vermutlich unter Hochdruck. Doch für Unternehmer bleibt die Lehre: Vertrauen ist gut, Redundanz ist besser. In einer Zeit, in der Cyberangriffe und technische Komplexität zunehmen, wird die Verfügbarkeit von Bankdienstleistungen zu einem qualitativen Standortfaktor. Banken müssen massiv in die Resilienz ihrer IT investieren, nicht nur in schicke Apps. Und Unternehmer müssen lernen, Banken nicht als unfehlbare Institutionen, sondern als technische Dienstleister mit Ausfallrisiko zu betrachten. Wer heute keinen Plan B für seine Zahlungsströme in der Schublade hat, spielt russisches Roulette mit seiner Liquidität. Es bleibt zu hoffen, dass die Systeme bis zum Abend wieder laufen – andernfalls steht vielen Buchhaltungsabteilungen ein unruhiges Wochenende bevor.