Startseite FinanzenMarkterschütterung im Lebensmitteleinzelhandel: Tegut gibt auf, Rewe übernimmt bis zu 40 Filialen

Markterschütterung im Lebensmitteleinzelhandel: Tegut gibt auf, Rewe übernimmt bis zu 40 Filialen

Ein historischer Paukenschlag im deutschen Lebensmitteleinzelhandel: Die Migros Zürich zieht sich aus Deutschland zurück und zerschlägt die hessische Supermarktkette Tegut. Während Edeka den Großteil sichert, übernimmt die Rewe Group bis zu 40 strategisch wichtige Standorte.

von Wolfgang Baumer
0 Kommentare
Markterschütterung im Lebensmitteleinzelhandel: Tegut gibt auf, Rewe übernimmt bis zu 40 Filialen

Die tektonischen Platten des deutschen Lebensmitteleinzelhandels verschieben sich derzeit mit beispielloser Geschwindigkeit. Auf das-unternehmer-wissen.de verfolgen wir die fortlaufenden Konsolidierungstendenzen der Branche intensiv, doch die jüngsten Entwicklungen markieren eine historische Zäsur, die die Marktstrukturen nachhaltig verändern wird. Die traditionsreiche hessische Supermarktkette Tegut, die über Jahrzehnte hinweg als unangefochtener Pionier für biologische Lebensmittel und nachhaltige Sortimente galt, steht vor der endgültigen Zerschlagung. Der Schweizer Mutterkonzern, die Genossenschaft Migros Zürich, hat nach jahrelangen Bemühungen die Reißleine gezogen und den vollständigen Rückzug aus dem hochkompetitiven deutschen Markt angekündigt.

Die Konsequenzen dieser weitreichenden unternehmerischen Entscheidung zeichnen sich nun in all ihrer Deutlichkeit ab. Wie t-online berichtet, haben die Rewe Group und Migros Zürich einen bindenden Vertrag unterzeichnet, der die Übernahme von bis zu 40 Tegut-Märkten durch den Kölner Handelsriesen vorsieht. Dieser strategische Schachzug ist jedoch nur ein Teil eines viel größeren Puzzles, bei dem die mächtigsten Akteure des deutschen Einzelhandels die verbleibenden Vermögenswerte unter sich aufteilen.

Der strategische Rückzug der Genossenschaft Migros Zürich

Um die Tragweite dieses Ausverkaufs zu verstehen, muss man die historische Entwicklung von Tegut betrachten. Gegründet im Jahr 1947 in Fulda, etablierte sich das Unternehmen früh als Visionär in einem Markt, der damals fast ausschließlich von Preiswettbewerben dominiert wurde. Tegut setzte konsequent auf Bio-Produkte, Regionalität und eine enge Bindung zu lokalen landwirtschaftlichen Erzeugern. Im Jahr 2013 übernahm die Genossenschaft Migros Zürich die Kette mit großen Ambitionen. Das Ziel war klar definiert: Das erfolgreiche Konzept aus der Stammregion Hessen sollte in andere Bundesländer exportiert und die Marktposition signifikant ausgebaut werden.

Rückblickend erwies sich diese Expansionsstrategie jedoch als fundamentale Fehlkalkulation. Branchenexperten wie Prof. Dr. Stephan Rüschen von der DHBW Heilbronn betonen, dass insbesondere der Versuch, stark in Gebiete wie Baden-Württemberg oder den Großraum München vorzudringen, enorme Ressourcen verschlang, ohne die erhofften Renditen zu erwirtschaften. Die Marke Tegut besaß in diesen neuen Regionen nicht die tiefe historische Verankerung, die sie in Hessen genoss.

Erschwerend kam das veränderte Konsumverhalten der letzten Jahre hinzu. Die drastische Inflation, steigende Lebenshaltungskosten und die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit haben dazu geführt, dass große Teile der Bevölkerung beim Lebensmitteleinkauf massiv sparen müssen. Das sogenannte „Trading-Down“ – der Wechsel von teureren Bio-Fachmärkten hin zu günstigeren Discountern – traf Tegut unverhältnismäßig hart. Die Konsequenz dieser toxischen Mischung aus verfehlter Expansionsstrategie und einem schwierigen makroökonomischen Umfeld findet sich im jüngsten Jahresabschluss der Migros Zürich schonungslos dokumentiert: Tegut ist langfristig wirtschaftlich nicht mehr zukunftsfähig.

Die Zweimarkenstrategie der Rewe Group: Integration und Transformation

Mit dem definitiven Aus von Tegut als eigenständige Marke begann hinter den Kulissen ein intensives Feilschen um die begehrtesten Filetstücke des Filialnetzes. Die Rewe Group hat sich in diesem Bieterwettbewerb erfolgreich positioniert und sichert sich bis zu 40 strategisch wertvolle Standorte. Dabei wendet der Konzern eine clevere Zweimarkenstrategie an, um das maximale wirtschaftliche Potenzial aus den übernommenen Flächen herauszuholen.

Ein beträchtlicher Teil der übernommenen Tegut-Filialen wird nahtlos in das bestehende Vertriebsnetz von Rewe integriert. Für die Konsumenten an diesen Standorten bedeutet dies eine rasche Umflaggung auf das rote Rewe-Logo. Der Konzern verspricht in einer offiziellen Stellungnahme eine gewohnte Warenverfügbarkeit, klarere Sortimente und ein stabiles Preisniveau. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich das Bestreben, die lukrativen, kaufkräftigen Kunden von Tegut zu halten, indem man ihnen weiterhin ein Vollsortiment mit einem starken Frische-Anteil bietet, gleichzeitig aber die effizienteren Logistik- und Einkaufsstrukturen von Rewe nutzt, um die Margen zu verbessern.

Die restlichen der 40 Standorte erfahren jedoch eine weitaus radikalere Transformation. Diese Märkte werden an die konzerneigene Discounter-Tochter Penny übergeben. Stefan Görgens, Bereichsvorstand von Penny Deutschland, machte bereits deutlich, in welche Richtung die Reise geht: Die betroffenen Filialen sollen zeitnah auf das moderne Markthallen-Konzept des Discounters umgebaut werden. Dieses Konzept zielt darauf ab, die optische Anmutung eines klassischen Supermarktes mit der strengen Preiskalkulation eines Discounters zu verbinden. Für Penny ist dies eine einmalige Gelegenheit, an begehrte urbane oder stark frequentierte Standorte zu gelangen, die auf dem freien Immobilienmarkt kaum noch verfügbar sind.

Edeka und Aldi Nord: Das Ringen um die verbleibenden Standorte

Die Rewe Group ist jedoch nicht der einzige Akteur, der von der Zerschlagung Teguts profitiert. Tatsächlich sichert sich der größte Konkurrent, der Edeka-Verbund, den weitaus größten Anteil an der Insolvenzmasse. Nach aktuellen Informationen plant Edeka, rund 200 der insgesamt etwa 300 Supermärkte der Kette zu übernehmen.

Das Edeka-Paket ist dabei von enormer strategischer Bedeutung. Es umfasst nicht nur das dichte Filialnetz in der Kernregion, sondern auch kritische Infrastruktur. Dazu gehört das hochmoderne Tegut-Logistikzentrum in Michelsrombach, das für die reibungslose Versorgung der Märkte in Mitteldeutschland essenziell ist. Darüber hinaus sichert sich Edeka die rund 40 „Teo“-Minimärkte. Diese innovativen, vollautomatisierten Kleinstflächenkonzepte, die rund um die Uhr geöffnet sind, galten als eines der wenigen echten Erfolgsprojekte von Tegut in den letzten Jahren und passen perfekt in Edekas Strategie, alternative Vertriebskanäle in ländlichen oder hochverdichteten urbanen Räumen auszubauen.

Aber auch das Discount-Segment mischt neben Penny kräftig mit. Berichten zufolge sondiert Aldi Nord ebenfalls intensiv die Lage und zeigt starkes Interesse an einzelnen, spezifisch ausgewählten Standorten. Dies unterstreicht den enormen Druck, der im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auf der Expansion der Verkaufsflächen liegt. Da Neubaugenehmigungen oft Jahre dauern und mit hohen bürokratischen Hürden verbunden sind, ist die Übernahme von Bestandsobjekten aus Konkursmassen für alle Player der schnellste Weg zu echtem Wachstum.

Sortimentspolitik und regionale Lieferketten: Ein schwieriger Balanceakt

Eine der drängendsten Fragen, die sich aus dieser gigantischen Übernahmewelle ergibt, betrifft die Zukunft der Sortimente. Tegut war nicht einfach nur ein Supermarkt; es war für viele mittelständische Erzeuger, Bio-Bauern und regionale Manufakturen der wichtigste, oft sogar der einzige Zugang zum Massenmarkt. Die tiefe Verankerung in der lokalen Landwirtschaft war das Rückgrat der Markenidentität.

Die Rewe Group hat in ersten Erklärungen beteuert, dass die Zusammenarbeit mit regionalen Erzeugern bestehen bleiben soll. Auch Bio-Produkte und hochwertige regionale Waren sollen weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Branchenbeobachter bewerten diese Ankündigungen jedoch mit einer gewissen Skepsis. Zwar hat Rewe in den vergangenen Jahren sein eigenes Bio- und Regionalsortiment stark ausgebaut, doch die Integration in die gigantischen, standardisierten Beschaffungsstrukturen eines internationalen Konzerns birgt unweigerlich Konfliktpotenzial.

Es steht zu befürchten, dass kleine Lieferanten, die bisher die Mengen für einige Dutzend Tegut-Märkte produzieren konnten, künftig an den harten Konditionsverhandlungen und den enormen Volumenanforderungen der Rewe-Zentrale scheitern könnten. Noch drastischer dürfte der Schnitt bei den Filialen ausfallen, die in Penny-Märkte umgewandelt werden. Ein Discounter, der auf höchste Effizienz, enge Sortimente und aggressive Preispolitik getrimmt ist, bietet von Natur aus kaum Spielraum für kleinteilige, hochpreisige Regionalprodukte. Hier droht ein spürbarer Verlust an Angebotsvielfalt für die Endverbraucher.

Die Hürde der Wettbewerbshüter: Intensive Prüfung durch das Bundeskartellamt erwartet

Trotz der unterzeichneten Verträge ist der Deal keineswegs in trockenen Tüchern. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist bereits heute einer der am stärksten konzentrierten Märkte in ganz Europa. Gemeinsam dominieren die „Großen Vier“ – Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) und Aldi – weit über 85 Prozent des Gesamtmarktes. Jede weitere Akquisition durch einen dieser Giganten wird von den Wettbewerbsbehörden mit Argusaugen betrachtet.

Die Übernahmen der Tegut-Filialen durch Rewe und Edeka stehen unter dem strikten Vorbehalt der fusionskontrollrechtlichen Freigabe durch das Bundeskartellamt. Führende Rechtsexperten, wie der renommierte Kartellrechtler Prof. Rupprecht Podszun von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, warnen explizit vor der zunehmenden Marktmacht der großen Handelsketten. Er prognostiziert eine außergewöhnlich tiefe und detaillierte Prüfung durch die Bonner Behörde.

Das Bundeskartellamt wird nicht nur den Gesamtmarkt betrachten, sondern mikroskopisch kleine regionale Märkte analysieren. Wenn an einem spezifischen Standort durch die Übernahme eines Tegut-Marktes durch Rewe oder Edeka ein faktisches Monopol oder ein starkes Oligopol entsteht, das den lokalen Wettbewerb ausschaltet, wird die Behörde einschreiten. Podszun hält es für ein absolut realistisches Szenario, dass das Bundeskartellamt Teile der Übernahmepläne strikt untersagt oder den Konzernen harte Auflagen diktiert, wie etwa den erzwungenen Weiterverkauf bestimmter Standorte an mittelständische Wettbewerber.

Für die schätzungsweise mehreren Tausend Beschäftigten von Tegut bedeutet dieser schwebende Prozess eine quälende Phase der Unsicherheit. Zwar hat Rewe angekündigt, den Beschäftigten der übernommenen Märkte ein Jobangebot machen zu wollen, doch bis zur finalen kartellrechtlichen Klärung hängen diese Versprechen in der Schwebe.

Letztlich markiert das Ende von Tegut einen weiteren, schmerzhaften Schritt in der Konsolidierung des deutschen Einzelhandels. Die Ära der mittelständischen, regional stark verwurzelten Supermarktketten neigt sich unwiderruflich dem Ende zu. Der Markt polarisiert sich zunehmend extrem: Auf der einen Seite die gnadenlos effizienten Discounter, auf der anderen Seite die allmächtigen Vollsortimenter-Verbünde. Die Vielfalt, für die Namen wie Tegut einst standen, wird in Zukunft immer schwerer zu finden sein.

Das könnte dir auch gefallen