„Zeitumstellung 2027″ und „Weltzeit“ gehören gerade zu den meistgesuchten Begriffen in Deutschland. Dahinter steckt aber keine neue Sommer- oder Winterzeitregel, sondern eine Entscheidung, die die meisten Menschen nie bemerken werden: Die Schaltsekunde wird abgeschafft. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) hat das am 15. Oktober 2026 in Versailles beschlossen. Ab dem 20. Mai 2027 bekommt die koordinierte Weltzeit UTC keine zusätzlichen Sekunden mehr. Für Menschen im Alltag ändert sich praktisch nichts. Für IT-Abteilungen, Rechenzentren und alle, die mit exakten Zeitstempeln arbeiten, ist die Nachricht dagegen eine gute.
Was eine Schaltsekunde überhaupt ist
Unsere offizielle Zeit wird von Atomuhren bestimmt. Sie ticken extrem gleichmäßig. Die Erde dagegen nicht: Ihre Drehung schwankt leicht, mal ist sie etwas schneller, mal etwas langsamer. Damit die Atomzeit nicht dauerhaft von der Zeit abweicht, die sich aus der Erdrotation ergibt, wurde 1972 die Schaltsekunde eingeführt.
Das Prinzip: Weichen die beiden Zeitskalen UTC und UT1 um mehr als 0,9 Sekunden voneinander ab, ordnet der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) eine Schaltsekunde an. Die letzte Minute des 30. Juni oder des 31. Dezember hat dann 61 statt 60 Sekunden. Seit 1972 ist das 27 Mal passiert, zuletzt zum Jahreswechsel 2016 auf 2017.

Was sich ab Mai 2027 ändert
Statt höchstens 0,9 Sekunden darf UTC künftig um bis zu 3.600 Sekunden von der Erdzeit abweichen, also um eine volle Stunde. Bis diese Grenze erreicht ist, dürften nach Einschätzung von Fachleuten mehrere Jahrhunderte vergehen. Die Uhren laufen also einfach gleichmäßig weiter, ohne Sprünge.
Ganz neu ist die Idee nicht. Schon 2022 hatte die CGPM beschlossen, die Schaltsekunde bis spätestens 2035 auslaufen zu lassen. Mit dem neuen Beschluss kommt der Abschied acht Jahre früher.
Warum es jetzt so schnell geht
Der Grund ist paradox: Die Erde hat sich zuletzt etwas schneller gedreht. Damit wurde erstmals eine negative Schaltsekunde denkbar, bei der die Uhr eine Sekunde überspringt und von 23:59:58 direkt auf Mitternacht springt. Das hat es noch nie gegeben, und kaum ein Computersystem ist darauf getestet. Zeitexperten bezifferten das Risiko einer solchen Sekunde bis 2035 auf etwa 30 Prozent. Patrizia Tavella vom Internationalen Büro für Maß und Gewicht (BIPM) berichtete, der Industrie seien schon 10 Prozent zu viel gewesen.
Interessant ist ein Nebenbefund aus der Forschung: Der Geophysiker Duncan Agnew zeigte 2024 in der Fachzeitschrift Nature, dass das Abschmelzen der Eismassen in Grönland und der Antarktis die Erdrotation bremst, weil Masse in Richtung Äquator wandert. Ohne diesen Effekt wäre eine negative Schaltsekunde schon 2026 fällig gewesen.
Warum Schaltsekunden für IT-Systeme ein Problem sind
Für Menschen ist eine zusätzliche Sekunde bedeutungslos. Für Software ist eine Minute mit 61 Sekunden ein Sonderfall, mit dem nicht jedes Programm umgehen kann. Das bekannteste Beispiel stammt aus dem Juli 2012: Ein Linux-Fehler im Zusammenhang mit der Schaltsekunde legte das Buchungssystem Amadeus lahm. Die australische Fluggesellschaft Qantas musste Passagiere von Hand einchecken, Flüge verspäteten sich um bis zu zwei Stunden. Auch Reddit und LinkedIn hatten Ausfälle.
Die CGPM begründet ihre Entscheidung genau damit. Kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr brauchen eine stetige Zeit ohne Korrekturen.
Was Unternehmen konkret davon haben
Für die meisten Betriebe bedeutet die Abschaffung weniger Risiko und weniger Aufwand. Einige Bereiche profitieren besonders:
- Server und Rechenzentren: Zeitsynchronisation über NTP muss keine Sondersekunden mehr verarbeiten. Große Anbieter verteilen Schaltsekunden bisher oft über Stunden („Smearing“), um Sprünge zu vermeiden. Dieser Sonderweg entfällt künftig.
- Finanz- und Handelssysteme: Wo Transaktionen auf Millisekunden genau zeitgestempelt werden, sind doppelte oder fehlende Sekunden ein Problem für Abgleich und Nachweisführung.
- Logistik und Produktion: Maschinensteuerungen, Protokolle und Ereignisketten sind leichter auszuwerten, wenn die Zeitachse keine Lücken oder Doppelungen hat.
- Protokollierung und Compliance: Revisionssichere Logs werden einfacher, wenn jede Sekunde genau einmal vorkommt.
Handlungsbedarf entsteht für die meisten Firmen nicht. Wer eigene Software mit Sonderbehandlung für Schaltsekunden betreibt, kann diese Logik mittelfristig vereinfachen, sollte sie aber nicht vor Mai 2027 überstürzt entfernen.

Was sich nicht ändert
Die gute Nachricht für alle, die nach „Zeitumstellung 2027″ suchen: An Sommer- und Winterzeit ändert der Beschluss nichts. Die nächste Umstellung steht am Sonntag, 25. Oktober 2026, an. Dann werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Wann genau und was dabei zu beachten ist, haben wir in unserem Überblick zur Zeitumstellung 2026 in Deutschland zusammengefasst. Die Debatte um ein Ende des Uhrendrehens in der EU ist davon unabhängig und weiterhin offen. Hintergründe dazu bietet unser Beitrag zur ewigen Debatte um die Sommerzeit.
Funkuhren laufen weiter wie gewohnt
Wer im Büro oder zu Hause eine Funkuhr hat, muss nichts tun. Das Zeitsignal DCF77 aus der Nähe von Braunschweig wird weiter gesendet. Es entfällt lediglich die Vorankündigung einer Schaltsekunde, die das Signal bisher enthielt.
Die Sonne wandert langsam aus dem Takt
Langfristig hat die Entscheidung eine kleine Folge: Die Uhrzeit entfernt sich sehr langsam vom Stand der Sonne am Himmel. Im Alltag spielt das keine Rolle, zumal die gesetzliche Zeit ohnehin von der Sonnenzeit abweicht, etwa durch die Breite der Zeitzonen oder die Sommerzeit. Spüren werden den Unterschied vor allem Astronomen und Geodäten, die mit der astronomischen Zeit UT1 arbeiten und die Differenz künftig selbst einrechnen.
Für Betriebe mit Schichtplänen und Zeiterfassung bleibt also die gewohnte Herausforderung zweimal im Jahr bestehen. Wie Unternehmen Arbeitszeitmodelle an die Zeitumstellung anpassen, bleibt deshalb ein Thema, auch ohne Schaltsekunde.
Quellen: Berichte von Berliner Zeitung und WEB.DE zum Beschluss der CGPM. Stand: 23. Oktober 2026.