Startseite FinanzenPaukenschlag in Herzogenaurach: Chinesischer Gigant Anta wird größter Puma-Aktionär – Droht nun die Übernahme?

Paukenschlag in Herzogenaurach: Chinesischer Gigant Anta wird größter Puma-Aktionär – Droht nun die Übernahme?

Der chinesische Sportartikelkonzern Anta Sports sorgt für ein Beben am Aktienmarkt und steigt unerwartet zum größten Einzelaktionär beim deutschen Traditionsunternehmen Puma auf. Dieser strategische Schachzug heizt Spekulationen über die Zukunft des fränkischen Sportartikelherstellers massiv an.

von Wolfgang Baumer
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Paukenschlag in Herzogenaurach: Chinesischer Gigant Anta wird größter Puma-Aktionär – Droht nun die Übernahme?

Es ist eine Nachricht, die weit über das beschauliche Herzogenaurach hinaus für Unruhe sorgt und die Machtverhältnisse im globalen Sportartikelmarkt neu definiert. Still und leise hat sich ein neuer Hauptdarsteller auf die Bühne des MDAX-Konzerns Puma geschlichen. Wie wir bei Das Unternehmer Wissen beobachten, hat der chinesische Branchenriese Anta Sports seine Anteile signifikant erhöht und ist nun der mächtigste Einzelaktionär der Franken. Dieser Schritt kommt inmitten einer ohnehin schwierigen Phase für Puma und wirft drängende strategische Fragen auf.

Von der Wirtschaftsredaktion

Die Machttektonik in der globalen Sportartikelbranche hat sich an diesem Dienstag spürbar verschoben. Was zunächst wie eine trockene Pflichtmitteilung der Finanzmärkte aussah, entpuppte sich schnell als strategisches Erdbeben mit Epizentrum in Mittelfranken. Der chinesische Konzern Anta Sports Products Ltd. hat eine signifikante Schwelle überschritten und hält nun, wie aus Stimmrechtsmitteilungen hervorgeht, rund 5,3 Prozent der Puma-Aktien.

Mit diesem Anteil katapultiert sich das Unternehmen aus dem Reich der Mitte aus dem Stand an die Spitze der Aktionärsstruktur und verdrängt den US-amerikanischen Vermögensverwalter BlackRock, der bisher mit etwa fünf Prozent als größter Einzelinvestor galt. Die Börse reagierte prompt und euphorisch auf den neuen Ankerinvestor: Die Puma-Aktie, die in den letzten Monaten arg gebeutelt war, sprang zeitweise um über vier Prozent nach oben. Doch hinter dem kurzfristigen Kursfeuerwerk verbirgt sich eine komplexe Gemengelage aus geopolitischen Ambitionen, strategischen Notwendigkeiten und der Frage, wie eigenständig das deutsche Traditionsunternehmen langfristig bleiben kann.

Wie das Handelsblatt berichtet, erfolgte der Einstieg über verschiedene Investmentvehikel und indirekte Beteiligungen, was die Dimension des Engagements zunächst verschleierte. Nun jedoch liegen die Karten auf dem Tisch, und in der Unternehmenszentrale in Herzogenaurach dürften die Alarmglocken schrillen. Denn Anta ist nicht irgendein Finanzinvestor, der auf schnelle Dividenden aus ist. Anta ist ein direkter, hochaggressiver Konkurrent mit globalen Ambitionen.

Wer ist Anta Sports? Das unbekannte Schwergewicht aus dem Osten

Wer ist Anta Sports? Das unbekannte Schwergewicht aus dem Osten
Wer ist Anta Sports? Das unbekannte Schwergewicht aus dem Osten

Für viele europäische Verbraucher mag der Name Anta noch immer unter dem Radar fliegen, doch in der Branche ist der Konzern längst eine gefürchtete Macht. Gegründet in den 1990er Jahren in Jinjiang, hat sich Anta von einem lokalen Schuhproduzenten zum unangefochtenen Marktführer in China entwickelt und bläst nun zum globalen Angriff auf die etablierten Platzhirsche Nike und Adidas.

Antas Strategie ist dabei ebenso simpel wie effektiv: Kaufen, was Rang und Namen hat. Das Unternehmen fungiert längst als eine Art Holding für Premium-Sportmarken. Der wohl spektakulärste Coup gelang den Chinesen 2019 mit der Übernahme der finnischen Amer Sports Gruppe für rund 4,6 Milliarden Euro. Damit sicherte sich Anta ein Portfolio an absoluten Top-Marken, darunter der Outdoor-Spezialist Salomon, die High-End-Marke Arc’teryx, der Tennisausrüster Wilson und der Skhersteller Atomic. Zudem hält Anta die Rechte an der Marke Fila für den riesigen chinesischen Markt – ein Geschäft, das sich als wahre Goldgrube erwiesen hat.

Mit einer Marktkapitalisierung, die zeitweise die von Adidas übertraf, verfügt Anta über enorme finanzielle Feuerkraft. Der Konzern profitiert massiv vom wachsenden Nationalstolz chinesischer Konsumenten („Guochao“-Trend), die zunehmend heimische Marken gegenüber westlichen Labels bevorzugen. Dieser Rückenwind auf dem Heimatmarkt dient nun als Basis für die aggressive internationale Expansion. Der Einstieg bei Puma ist somit kein Zufall, sondern der nächste logische Schritt in einem minutiös geplanten globalen Schachzug.

Das Erbe von Kering und das Machtvakuum in Herzogenaurach

Dass Puma überhaupt anfällig für einen solchen Zugriff wurde, ist auch der jüngeren Unternehmensgeschichte geschuldet. Über Jahre hinweg war der französische Luxusgüterkonzern Kering (Gucci, Saint Laurent) der dominante Mehrheitseigentümer. Unter der Ägide der Franzosen wurde Puma saniert und neu ausgerichtet, doch Kering sah im Sportartikelgeschäft letztlich nicht mehr sein Kerngeschäft.

In mehreren Schritten trennten sich die Franzosen von ihren Anteilen, zuletzt durch eine Abgabe von Aktien an die eigenen Anteilseigner. Dies führte zu einer starken Fragmentierung der Aktionärsstruktur. Puma hat seitdem keinen echten Ankeraktionär mehr, der im Ernstfall eine feindliche Übernahme abwehren könnte. Die Familie Pinault, die hinter Kering steht, hält nur noch einen vergleichsweise kleinen Anteil.

Dieses Machtvakuum hat Anta nun genutzt. In einer Phase, in der es keinen dominanten Eigentümer gibt, ist derjenige, der das größte Aktienpaket schnürt, automatisch der einflussreichste Spieler am Tisch. BlackRock und andere institutionelle Anleger sind primär an Rendite interessiert und agieren selten strategisch-operativ. Anta hingegen ist ein strategischer Investor par excellence.

Puma unter Druck: Ein perfekter Zeitpunkt für den Einstieg?

Der Zeitpunkt für Antas Manöver könnte kaum besser gewählt sein – zumindest aus Sicht der Chinesen. Puma befindet sich in einer vulnerablen Phase. Ende Januar musste Vorstandschef Arne Freundt die Märkte mit einem enttäuschenden Ausblick für das Jahr 2024 schocken.

Die Gründe für die aktuelle Schwäche sind vielfältig: Der starke Euro drückt auf die Margen, da Puma einen Großteil seiner Kosten in Dollar abrechnet, aber viel Umsatz in anderen Währungen generiert. Zudem leidet der Konzern unter einer allgemeinen Konsumzurückhaltung in wichtigen Märkten. Besonders schmerzhaft ist die Situation in den USA, dem wichtigsten Sportartikelmarkt der Welt, wo Puma zuletzt Marktanteile verlor und nun versucht, mit einer neuen Strategie gegenzusteuern.

Die Folge dieser Hiobsbotschaften war ein Absturz der Puma-Aktie auf ein Mehrjahrestief. Für einen kapitalstarken Investor wie Anta war dies eine Einladung zum „Schnäppchenjagd“. Man konnte sich vergleichsweise günstig signifikanten Einfluss bei einer der bekanntesten Sportmarken der Welt sichern. Die Marke Puma selbst gilt nach wie vor als attraktiv, das Image ist dank Partnerschaften mit Stars wie Rihanna oder Spitzensportlern intakt, doch die operative Performance hinkte zuletzt hinterher.

Strategisches Investment oder Vorbote einer feindlichen Übernahme?

Die alles entscheidende Frage, die nun Investoren, Mitarbeiter und die Familie Dassler (die Gründerfamilie, die aber keine Rolle mehr spielt) umtreibt, lautet: Was hat Anta vor?

Offiziell hält man sich bedeckt. Aus Marktkreisen ist zu hören, dass Anta derzeit keine vollständige Übernahme plane und das Investment als „strategisch“ betrachte. Doch solche Aussagen sind in der Finanzwelt oft nur Momentaufnahmen. Die Geschichte zeigt, dass aus strategischen Minderheitsbeteiligungen schnell Mehrheitsübernahmen werden können, wenn sich die Gelegenheit bietet oder das Zielunternehmen weiter schwächelt.

Für das Puma-Management unter Arne Freundt, der erst seit gut einem Jahr im Amt ist, erhöht sich der Druck immens. Er muss nun nicht nur den operativen Turnaround schaffen, sondern auch mit einem neuen Großaktionär umgehen, der das Geschäft besser versteht als jeder Finanzinvestor und der eigene, harte Interessen verfolgt.

Mehrere Szenarien sind denkbar:

  1. Der Status Quo: Anta bleibt ein großer, aber passiver Minderheitsaktionär und profitiert finanziell von einer möglichen Erholung Pumas.
  2. Die strategische Partnerschaft: Anta nutzt seinen Einfluss, um Kooperationen zu erzwingen – etwa beim Vertrieb von Puma-Produkten in China oder bei der gemeinsamen Nutzung von Lieferketten. Dies könnte Puma helfen, würde aber die Abhängigkeit erhöhen.
  3. Die schleichende Übernahme: Anta kauft über die Zeit weitere Aktienpakete hinzu, bis eine Kontrollmehrheit erreicht ist. Angesichts des Streubesitzes wäre dies zwar teuer, aber nicht unmöglich.

Die geopolitische Dimension: Europas Sportartikelindustrie im Visier

Der Vorgang hat auch eine industriepolitische Dimension, die weit über Herzogenaurach hinausreicht. Er symbolisiert die Verschiebung der globalen Wirtschaftsmacht. Lange Zeit haben westliche Marken wie Nike, Adidas und Puma den chinesischen Markt kolonisiert und dort enorme Gewinne eingefahren. Nun dreht sich der Spieß um. Chinesische Konzerne, gestärkt durch ihren riesigen Heimatmarkt und staatliches Wohlwollen, kaufen sich im Westen ein.

Für den Standort Deutschland und speziell die Region um Herzogenaurach, wo auch Adidas seinen Sitz hat, ist dies eine kritische Entwicklung. Sollte Puma tatsächlich irgendwann unter chinesische Kontrolle geraten, stünden nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch ein Stück deutscher Wirtschaftsidentität auf dem Spiel. Die Erfahrungen mit chinesischen Übernahmen in Deutschland sind gemischt; während einige Unternehmen von den neuen Eigentümern profitierten, gab es in anderen Fällen Technologieabfluss und Standortverlagerungen.

Die Nervosität an der Herzo Base, dem Puma-Hauptquartier, dürfte in den kommenden Wochen und Monaten kaum nachlassen. Jeder Schritt des Managements wird nun auch unter dem Brennglas des neuen Großaktionärs aus Fujian betrachtet werden. Die Karten im globalen Milliarden-Spiel um Turnschuhe und Trikots sind neu gemischt, und der Joker liegt nun in chinesischer Hand.

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