Der Kampf gegen Krebs ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine immense ökonomische und technologische Herausforderung. Besonders im Bereich der Blutkrebserkrankungen, wie dem Multiplen Myelom, suchen Forscher weltweit nach skalierbaren und effektiven Lösungen. Einem Team der Universitätsmedizin Leipzig ist nun ein beachtlicher Schritt gelungen, der die Art und Weise, wie wir über Immuntherapien denken, verändern könnte. Statt auf die oft geschwächten Zellen der Patienten zu setzen, nutzten die Wissenschaftler erstmals Zellen von gesunden Spendern. Für Analysen zu Innovationen im Gesundheitsmarkt und anderen Branchen besuchen Sie unsere Startseite das Unternehmer wissen.
Das Problem der „erschöpften“ Zellen
Das Multiple Myelom ist eine tückische Erkrankung des Knochenmarks, die als unheilbar gilt. Die moderne CAR-T-Zell-Therapie bietet zwar Hoffnung, stieß jedoch bisher auf logistische und biologische Grenzen. Im Standardverfahren werden dem Patienten eigene T-Zellen (weiße Blutkörperchen) entnommen, im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen, und anschließend zurückinfundiert.
Das Problem dabei: Patienten mit fortgeschrittenem Multiplen Myelom haben oft bereits zahlreiche Chemotherapien hinter sich. Ihre eigenen T-Zellen sind, vereinfacht gesagt, „erschöpft“ oder geschädigt und lassen sich im Labor oft nicht mehr ausreichend vermehren oder aktivieren. Genau hier setzt der neue Ansatz der Leipziger Forscher an.
Der neue Ansatz: Fremde Zellen als Waffe
Unter der Leitung von Professor Ulrike Köhl (Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie) und Professor Uwe Platzbecker (Universitätsklinikum Leipzig) wurde ein Verfahren entwickelt, das auf allogene (körperfremde) statt autologe (körpereigene) Zellen setzt. Die T-Zellen stammen von gesunden Spendern und sind somit vitaler und leistungsfähiger.
Die große medizinische Hürde bei Fremdzellen ist normalerweise die Abstoßungsreaktion (Graft-versus-Host-Disease), bei der die Spenderzellen den Körper des Empfängers angreifen. Um dies zu verhindern, wendeten die Leipziger Wissenschaftler einen „genetischen Trick“ an: Sie entfernten den natürlichen T-Zell-Rezeptor der Spenderzellen, sodass diese den fremden Körper nicht mehr als Feind erkennen, aber dank des neu eingebauten CAR-Rezeptors dennoch gezielt Jagd auf die Krebszellen machen.
Ergebnisse der Studie: Machbarkeit bewiesen
In der Phase-I-Studie wurden 16 schwer erkrankte Patienten behandelt. Die Ergebnisse, die kürzlich im renommierten Fachjournal Nature Medicine veröffentlicht wurden, sind vielversprechend, zeigen aber auch die Grenzen auf:
- Sicherheit: Die gefürchteten schweren Abstoßungsreaktionen blieben aus. Das primäre Ziel, die Sicherheit des Verfahrens zu belegen, wurde erreicht.
- Wirksamkeit: Bei allen Patienten bildete sich der Krebs zunächst zurück.
- Langzeitwirkung: Hier liegt noch die Herausforderung. Nach etwa sechs Monaten kehrte die Erkrankung bei den meisten Patienten zurück, da die fremden CAR-T-Zellen vom Immunsystem der Empfänger schließlich doch eliminiert wurden.
Professor Platzbecker bewertet die Studie dennoch als Erfolg: „Wir haben gezeigt, dass das Konzept prinzipiell funktioniert.“ Es ist der Beweis („Proof of Concept“), dass gentechnisch „tarnkappen-artig“ veränderte Spenderzellen sicher angewendet werden können.
Fazit: Der Weg zum „Off-the-shelf“-Medikament
Für die Biotech-Branche und das Gesundheitswesen ist dieser Ansatz von enormer Bedeutung. Die bisherige CAR-T-Therapie ist eine hochindividualisierte, zeitaufwendige und extrem teure Manufakturarbeit. Der Einsatz von Spenderzellen ebnet den Weg für sogenannte „Off-the-shelf“-Produkte: standardisierte Zelltherapeutika, die auf Vorrat produziert und sofort verfügbar sind, wenn ein Patient sie benötigt.
Auch wenn bis zur Marktreife noch weitere Studien und Optimierungen (etwa zur Verlängerung der Haltbarkeit der Zellen im Körper) nötig sind, hat Leipzig hier ein starkes Signal für den Innovationsstandort Deutschland gesetzt.
Informationen zitiert nach MDR