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Preiskalkulation in der Gastronomie: Warum die „Mal-4-Regel“ heute tödlich sein kann

von Wolfgang Baumer
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Preiskalkulation in der Gastronomie: Warum die "Mal-4-Regel" heute tödlich sein kann

In kaum einer anderen Branche entscheidet der richtige Preis so unmittelbar über Sein oder Nichtsein wie in der Gastronomie. Lange Zeit galt unter Wirten die Faustformel: „Wareneinsatz mal drei oder vier gleich Verkaufspreis“. Doch in Zeiten explodierender Energiekosten, steigender Mindestlöhne und der Rückkehr zum regulären Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent führt diese Milchmädchenrechnung oft direkt in die Insolvenz. Wer heute ein Restaurant führt, muss rechnen können – und zwar präzise. Für Leser, die auf fundiertes Unternehmerwissen für den Mittelstand setzen, ist klar: Eine Speisekarte ist kein bloßes Angebot, sondern das zentrale Steuerungsinstrument für den wirtschaftlichen Erfolg.

Das Ende der Daumenpeilung

Das Hauptproblem vieler Gastronomen ist die Vermischung von Umsatz und Gewinn. Ein volles Haus bedeutet nicht automatisch schwarze Zahlen, wenn bei jedem verkauften Schnitzel draufgezahlt wird. Die klassische Aufschlagskalkulation (Einkaufspreis x Faktor) berücksichtigt oft nicht die drastisch gestiegenen Gemeinkosten. Pacht, Strom, Gaskosten für die Küche und vor allem das Personal machen mittlerweile einen so großen Block aus, dass der reine Wareneinsatz als alleinige Basis für die Kalkulation an Aussagekraft verliert.

Eine professionelle Preiskalkulation baut sich daher logisch von unten nach oben auf:

  1. Warenkosten (Wareneinsatz): Was kostet das Gericht auf dem Teller exakt? (Inklusive Beilagen, Saucen, Garnitur und Schwund/Verderb).
  2. Gemeinkostenaufschlag: Welchen Anteil muss dieses Gericht tragen, um Miete, Energie und Versicherungen zu decken?
  3. Personalkosten: Wie viel Arbeitszeit steckt in der Zubereitung und im Service?
  4. Gewinnmarge: Der Unternehmerlohn und die Risikoprämie.
  5. Mehrwertsteuer: Der Posten, der nur durchlaufender Posten für das Finanzamt ist.

Wareneinsatz und Deckungsbeitrag: Die wahren Kennzahlen

Erfolgreiche Gastronomen steuern ihren Betrieb über die Wareneinsatzquote. Diese sollte idealerweise zwischen 25 % und 30 % des Netto-Umsatzes liegen. Steigt sie höher, wird „Geld gewechselt“ statt verdient.

Ein noch besseres Instrument ist jedoch die Deckungsbeitragsrechnung. Hierbei wird gefragt: Welchen Euro-Betrag (nicht Prozentwert) trägt dieses Gericht zur Deckung der Fixkosten bei?

  • Beispiel: Ein Rinderfilet hat zwar einen hohen Wareneinsatz und vielleicht eine schlechtere prozentuale Marge als ein Teller Nudeln, kann aber absolut gesehen (in Euro) deutlich mehr zur Deckung der Pacht beitragen.

Die Psychologie der „Mischkalkulation“

Kein Gast ist bereit, 15 Euro für eine einfache Tomatensuppe zu zahlen, nur weil die Kalkulation es „eigentlich“ erfordert. Hier kommt die strategische Mischkalkulation ins Spiel. Es gibt auf jeder Karte „Renner“ und „Penner“, sowie Produkte mit hoher und niedriger Preissensibilität.

  • Ankerprodukte: Kaffee, Mineralwasser oder das klassische Wiener Schnitzel sind Vergleichsprodukte. Hier achten Gäste sehr genau auf den Preis. Diese müssen marktgerecht kalkuliert sein, auch wenn die Marge kleiner ist.
  • Margenbringer: Vorspeisen, Desserts, hausgemachte Limonaden oder spezielle Pasta-Kreationen. Hier ist die Zahlungsbereitschaft oft höher, und der Wareneinsatz im Vergleich zum Verkaufspreis gering. Diese Produkte müssen den Gewinn des Unternehmens sichern.

Fazit: Regelmäßige Kontrolle ist Pflicht

Eine Preiskalkulation ist keine einmalige Aufgabe zur Eröffnung. Einkaufspreise für Lebensmittel schwanken saisonal massiv (z.B. Gemüse, Fleisch). Wer seine Verkaufspreise nicht mindestens quartalsweise überprüft und anpasst, verliert schleichend Marge. Transparenz gegenüber dem Gast ist dabei der Schlüssel: Die meisten Kunden haben Verständnis für Preiserhöhungen, wenn die Qualität stimmt und der Service herzlich bleibt. Aber für den Unternehmer gilt: Nur wer seine Zahlen kennt, kann auch in stürmischen Zeiten den Kurs halten.

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