Das rumänische Grundbuchsystem ist nach einem schweren Cybervorfall seit mehr als einer Woche nur eingeschränkt oder gar nicht erreichbar. Notare können deshalb zahlreiche Immobiliengeschäfte nicht abschließen. Für Käufer drohen erhebliche Mehrkosten, weil unmittelbar eine Steuererhöhung bevorsteht. Dies berichtet die Webseite das-unternehmer-wissen mit einem Link zu sueddeutsche.
Besonders kritisch ist der Zeitpunkt des Ausfalls. Ab dem 1. August soll die Mehrwertsteuer auf bestimmte Immobilienkäufe in Rumänien deutlich steigen. Für einzelne Käufer kann sich die Belastung dadurch um bis zu zwölf Prozentpunkte erhöhen.
Rumänisches Grundbuch seit mehr als einer Woche außer Betrieb
Die ersten Störungen bei der zuständigen Katasterbehörde traten zu Beginn der vergangenen Woche auf. Zunächst erklärte die Behörde, ihre Dienste seien wegen technischer Probleme nicht erreichbar.
Erst nach Recherchen rumänischer Medien bestätigten die Verantwortlichen einen Cyberangriff. Die Behörde bezeichnete den Vorfall als den schwersten technischen Zwischenfall ihrer Geschichte.
Durch die Attacke fiel das digitale Katastersystem e-Terra vollständig aus. Gleichzeitig wurde auch das zentrale IT-System der Nationalen Agentur für Kataster und Immobilienregistrierung außer Betrieb gesetzt.
Mitarbeiter verloren dadurch den Zugriff auf Dokumente, Grundstücksdaten, Immobilieninformationen und Einträge zu Eigentumsrechten.
Immobiliengeschäfte kommen faktisch zum Stillstand
Der Ausfall des Katasters wirkt sich unmittelbar auf den Immobilienmarkt aus. Notare können die erforderlichen Grundbuchauszüge nicht abrufen und den rechtlichen Status von Wohnungen, Häusern und Grundstücken nicht überprüfen.
Ohne diese Daten lassen sich Kaufverträge rechtlich nicht abschließen. Zahlreiche Transaktionen, die noch vor Ende Juli beurkundet werden sollten, bleiben deshalb blockiert.
Für Käufer zählt derzeit jeder Tag. Ab dem 1. August ändern sich die steuerlichen Bedingungen für bestimmte Immobiliengeschäfte, gleichzeitig steigt die Mehrwertsteuer.
Wer den Vertrag nicht rechtzeitig abschließen kann, muss möglicherweise deutlich mehr zahlen als ursprünglich mit dem Verkäufer oder dem Bauträger vereinbart.
Rückkehr zu Papierakten ist nicht mehr möglich
Verschärft wird die Lage durch die weitgehende Digitalisierung des rumänischen Grundbuchwesens. Nach der Umstellung auf elektronische Verfahren existiert offenbar kein vollwertiges papierbasiertes Ersatzsystem mehr, das während eines Ausfalls genutzt werden könnte.
Notare können das digitale Register nicht umgehen und die erforderlichen Angaben auch nicht ohne Weiteres anhand älterer Archivunterlagen prüfen. Zentrale Abläufe sind vollständig vom Zugang zu e-Terra und zum IT-System der Katasterbehörde abhängig.
Eine mögliche Entlastung für Käufer wäre eine Verschiebung der Steuererhöhung oder eine Ausnahmeregelung für bereits vereinbarte Geschäfte.
Dafür müsste das Parlament kurzfristig eine Sonderregelung beschließen. Die Abgeordneten befinden sich jedoch derzeit in der Sommerpause, weshalb eine schnelle gesetzliche Lösung als schwierig gilt.
Behörden sehen bislang keinen massiven Datenabfluss
Der Leiter der rumänischen Cybersicherheitsbehörde erklärte, nach bisherigen Erkenntnissen seien bei dem Angriff keine großen Mengen personenbezogener Daten entwendet worden.
Die Systeme wurden dennoch nicht nur wegen der technischen Schäden abgeschaltet. Die Behörden wollen auch verhindern, dass sich Schadsoftware weiter ausbreitet, und die gesamte Infrastruktur überprüfen.
Die betroffenen Dienste werden derzeit in eine besser geschützte staatliche Cloud-Umgebung verlagert. Nach Abschluss der Migration sollen die Systeme schrittweise wieder in Betrieb genommen werden.
Zunächst sollen Notare und Mitarbeiter der Katasterstellen wieder Zugang erhalten. Bis sämtliche elektronischen Funktionen vollständig verfügbar sind, könnte jedoch weitere Zeit vergehen.
Kleine Privatfirma war für den Schutz zuständig
Rumänische Medien beschäftigen sich inzwischen verstärkt mit der Frage, wie die kritische staatliche Infrastruktur abgesichert wurde. Demnach soll eine kleine Firma aus Bukarest mit nur zwei Mitarbeitern für Teile der Cybersicherheit der Behörde verantwortlich gewesen sein.
Dadurch gerieten die Vergabe des Auftrags, der genaue Aufgabenbereich des Unternehmens und die staatliche Kontrolle über die IT-Infrastruktur in den Fokus.
Geprüft wird außerdem, ob alle notwendigen Sicherheitsupdates installiert wurden und ob die Behörde rechtzeitig auf Warnungen vor bekannten Schwachstellen reagiert hatte.
Der Chef der rumänischen Cybersicherheitsbehörde erklärte, der Angriff sei technisch nicht besonders anspruchsvoll gewesen. Möglicherweise wurde eine bereits seit 2021 bekannte Sicherheitslücke ausgenutzt.
Vor Risiken im Zusammenhang mit dieser Schwachstelle sollen staatliche Stellen bereits vor dem Vorfall gewarnt worden sein.
Verdacht fällt auf Hacker aus Algerien
Israelische Cybersicherheitsexperten gehen davon aus, dass hinter dem Angriff vermutlich ein bekannter Cyberkrimineller aus Algerien steht. Hinweise auf eine staatlich gesteuerte Hackergruppe oder die Beteiligung ausländischer Geheimdienste gibt es bislang nicht.
Europäische Medien berichteten, sie hätten den mutmaßlichen Angreifer erreicht. In einem Gespräch soll er sich bei den rumänischen Bürgern entschuldigt und die Bedeutung der möglicherweise gestohlenen Informationen heruntergespielt haben.
Er erklärte zudem, er verkaufe entwendete Daten nicht wahllos weiter. Unabhängig bestätigt wurden diese Aussagen nicht.
Die rumänischen Ermittlungsbehörden untersuchen weiterhin den genauen Ablauf des Angriffs. Dabei soll auch geklärt werden, ob Kopien staatlicher Datensätze an Dritte gelangt sind.
Könnte ein solcher Angriff auch Deutschland treffen?
Auch deutsche Grundbuchsysteme sind nicht vollständig vor Cyberangriffen geschützt. Ihre Struktur unterscheidet sich jedoch deutlich vom zentralisierten rumänischen Modell.
Die Grundbücher werden in Deutschland von den Bundesländern verwaltet und sind häufig bei den Amtsgerichten angesiedelt. Für ihren Schutz sind daher in erster Linie die jeweiligen Landesbehörden zuständig und nicht unmittelbar das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.
Die föderale Struktur reduziert das Risiko eines bundesweiten Totalausfalls. Sollte das System eines Bundeslandes angegriffen werden, könnten die Register anderer Länder grundsätzlich weiterarbeiten.
Hinzu kommt der vergleichsweise geringe Digitalisierungsgrad. In vielen Systemen werden vor allem eingescannte Pläne und Textdokumente gespeichert. Automatisierte Such- und Verarbeitungsmöglichkeiten sind weiterhin begrenzt.
Digitalisierung der deutschen Grundbücher bis 2031 geplant
Deutschland arbeitet bereits seit 2004 an einer umfassenden Modernisierung seiner Grundbuchsysteme. Im Rahmen des Projekts Dabag soll eine strukturierte digitale Datenbank geschaffen werden.
Die Fertigstellung wurde jedoch mehrfach verschoben. Nach aktuellem Plan soll die vollständige Umstellung bis 2031 abgeschlossen sein.
Bis dahin bleiben viele Register bei der automatisierten Suche und dem Datenaustausch vergleichsweise unflexibel. Gleichzeitig erschwert das Fehlen einer einheitlichen zentralen Plattform einen Angriff, der den gesamten deutschen Immobilienmarkt auf einmal lahmlegen könnte.
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