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Marschflugkörper für Deutschland: Warum Berlin jetzt auf eigene Systeme setzt

Die USA stationieren vorerst keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland. Die Bundesregierung reagiert mit dem Ausbau eigener Deep-Strike-Fähigkeiten – von Taurus Neo bis ELSA. Eine Analyse der sicherheitspolitischen Konsequenzen.

von Wolfgang Baumer
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Marschflugkörper für Deutschland: Warum Berlin jetzt auf eigene Systeme setzt

Die USA werden die 2024 zugesagten Tomahawk-Marschflugkörper vorerst nicht in Deutschland stationieren. Bundeskanzler Friedrich Merz bestätigte am 3. Mai 2026 in der ARD-Sendung „Caren Miosga“, dass Washington derzeit objektiv kaum in der Lage sei, Waffensysteme dieser Kategorie abzugeben. Laut New York Times verbrauchte das US-Militär im Zuge des Iran-Kriegs mehr als 1.000 Tomahawks – das Zehnfache der jährlichen Beschaffungskapazität des Pentagon.

Die Bundesregierung reagierte am Montag mit einer klaren Ansage: Die Entwicklung eigener Marschflugkörper müsse jetzt „mit Nachdruck“ umgesetzt werden, erklärte Regierungssprecher Stefan Kornelius in Berlin. Ziel sei es, keine Lücke in der konventionellen Abschreckung entstehen zu lassen.

Hintergrund: Was Biden 2024 zusagte

Auf dem NATO-Gipfel im Juli 2024 vereinbarten US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz die erstmalige Stationierung konventioneller Mittelstreckenwaffen in Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges. Das Paket umfasste drei Komponenten: Tomahawk-Marschflugkörper mit bis zu 2.500 Kilometern Reichweite, Raketen vom Typ SM-6 zur Abwehr hyperschallschneller Gleitvehikel und – perspektivisch – den Hyperschallgleiter Dark Eagle.

Die Stationierung war als Übergangslösung konzipiert, um die sogenannte Abschreckungslücke zu schließen. Russland hatte 2018 öffentlich bestätigt, atomar bestückbare Iskander-M-Systeme in der Exklave Kaliningrad stationiert zu haben. Diese Raketen erreichen mit etwa 500 Kilometern Reichweite Ziele in Polen, im Baltikum und in Teilen Deutschlands.

Die aktuelle Lage: Warum die Tomahawks nicht kommen

Drei Faktoren verhindern die Umsetzung des Biden-Scholz-Deals. Erstens: Der Iran-Krieg hat die US-Bestände massiv reduziert. Zweitens: Die Trump-Administration hat die Stationierungszusage weder erneuert noch offiziell widerrufen, faktisch aber die Verlegung der zugehörigen Bedienungseinheiten im Rahmen des angekündigten Truppenabzugs gestrichen. Drittens: Die geopolitische Prioritätenverschiebung Washingtons Richtung Indo-Pazifik und Nahen Osten entzieht Europa Ressourcen.

Merz formulierte bei Miosga betont nüchtern: „Der Zug ist nicht abgefahren.“ An der nuklearen Absicherung durch die USA ändere sich nichts. Außenminister Johann Wadephul ergänzte bei einem Besuch in Athen, es werde bei der konventionellen Abschreckung kein „Minus“ geben.

Von der Biden-Zusage zum Merz-Eingeständnis

Die Chronologie der Tomahawk-Stationierung in Deutschland

2018

Russland bestätigt Iskander-M-Stationierung in Kaliningrad. Reichweite: ~500 km.

JULI 2024 – NATO-GIPFEL

Biden und Scholz vereinbaren: Tomahawk (2.500 km), SM-6 und Dark Eagle ab 2026 in Deutschland.

DEZ. 2025

Taurus Systems erhält Vertrag zur Vorbereitung der Taurus-Neo-Serienproduktion. Investition: 2,1 Mrd. €.

APRIL 2026

NYT berichtet: USA verbrauchen im Iran-Krieg über 1.000 Tomahawks – das Zehnfache der Jahresproduktion.

3. MAI 2026 – MERZ BEI MIOSGA

Kanzler Merz: „Die Amerikaner haben zurzeit selbst nicht genug.“ Stationierung auf unbestimmte Zeit verschoben.

4. MAI 2026 – BUNDESREGIERUNG

Regierungssprecher Kornelius: Eigenentwicklung „mit Nachdruck“. Taurus Neo, ELSA und Tyrfing werden beschleunigt.

Quellen: ARD, Berliner Zeitung, Verteidigungsministerium | Stand: 04.05.2026

Deutschlands Antwort: Ein vierfacher Deep-Strike-Ansatz

Das Verteidigungsministerium setzt auf vier parallele Entwicklungslinien, um die Fähigkeitslücke zu schließen. Jede davon deckt unterschiedliche Reichweiten, Startplattformen und Zeitrahmen ab.

Taurus Neo – Rückgrat der Luftwaffe

Die Taurus Neo ist die modernisierte Nachfolgeversion des bestehenden Taurus KEPD-350. Ende 2025 unterzeichnete das Bundesamt für Ausrüstung einen Vertrag mit der Taurus Systems GmbH – einem Joint Venture von MBDA Deutschland und Saab – zur Vorbereitung der Serienproduktion. Kolportiert werden rund 600 Stück bei einem Investitionsvolumen von 2,1 Milliarden Euro. Der Flugkörper soll auf dem Eurofighter zum Einsatz kommen und gegenüber dem Vorgänger über modernisierte Sensorik, robustere GPS-unabhängige Navigation und eine gesteigerte Reichweite verfügen.

JASSM-ER – Die US-Brücke

Für den neuen Tarnkappenjet F-35 wurde bereits der Marschflugkörper JASSM-ER (Joint Air-to-Surface Standoff Missile, Extended Range) von Lockheed Martin bestellt. Reichweite: rund 1.000 Kilometer. Das System ist bewährt und deckt die mittlere Distanzkategorie ab. Kritiker weisen allerdings auf die wachsende Abhängigkeit von US-Technologie hin – bis hin zu Spekulationen über einen möglichen „Kill Switch“ im Waffensystem.

Tyrfing – Die norwegisch-deutsche Seekomponente

Deutschland und Norwegen entwickeln gemeinsam den Seezielflugkörper 3SM Tyrfing. Das System soll sowohl See- als auch Landziele bekämpfen können und wird mit einer mutmaßlich vierstelligen Reichweite in Kilometern gehandelt. Geplante Einführung: 2035. Der Tyrfing würde der Marine erstmals eine strategische Deep-Strike-Fähigkeit verleihen.

ELSA – Die europäische Hyperschall-Antwort

Im Rahmen des ELSA-Projekts (European Long-Range Strike Approach) arbeiten Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien an Präzisionswaffen mit Reichweiten jenseits von 2.000 Kilometern. Das erklärte Ziel: ein europäischer Hyperschallflugkörper, unabhängig von amerikanischer Zulieferung. Bislang wurde allerdings noch keine formale Beauftragung der Industrie bekannt; ob in dieser Dekade einsatzreife Produkte realisierbar sind, bleibt unter Experten umstritten.

SystemReichweitePlattformStatusZeithorizont
Taurus Neo500+ kmEurofighter (Luft)Fertigungslinie in VorbereitungEnde 2020er
JASSM-ER~1.000 kmF-35 (Luft)BestelltMit F-35-Einsatzbereitschaft
Tyrfing (3SM)~1.000+ kmMarine (See)In Entwicklung~2035
ELSA/Hyperschall2.000+ kmBoden/Luft/SeeKonzeptphase2030er
Tomahawk (US)~2.500 kmTyphon-Werfer (Boden)Stationierung ausgesetztUngewiss

Die Abschreckungslücke: Wie groß ist sie wirklich?

CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter bewertete den US-Verzicht im ARD-Morgenmagazin als „viel gravierender“ als den angekündigten Truppenabzug. Der Sicherheitsexperte Nico Lange warnte, Europa sei ohne amerikanische Mittelstreckenraketen „potenziell weiterhin durch Russland erpressbar“. Die Lücke bestehe faktisch seit 2018 – geschlossen wurde sie weder unter der Merkel- noch unter der Scholz-Regierung.

Die Kernproblematik: Zwischen der aktuellen Taurus-Reichweite von rund 500 Kilometern und den russischen Iskander-Stellungen in Kaliningrad klafft eine Fähigkeitslücke, die kurzfristig nur durch US-Systeme geschlossen werden könnte. Alle europäischen Alternativen befinden sich entweder in der Entwicklung oder werden frühestens Ende des Jahrzehnts einsatzbereit sein.

„Da wird man sich jetzt im Kreml freuen und die Hände reiben, dass quasi Trump das russische Narrativ unterstützt und die Europäer eine Fähigkeitslücke haben.“ – Roderich Kiesewetter, CDU

Kiesewetter schlug als Ausweg eine gemeinsame Entwicklung mit der Ukraine vor, um bis 2030 einsatzfähige Systeme verfügbar zu haben. Die Ukraine verfügt durch den Krieg über umfangreiche praktische Erfahrung mit Mini-Marschflugkörpern wie Peklo, Bars und Palianytsia.

Deep-Strike-Fähigkeiten: Reichweiten im Vergleich

Russische Bedrohung vs. europäische Kapazitäten (in Kilometern)

🇷🇺 Iskander-M (Kaliningrad) ~500 km
🇩🇪 Taurus KEPD-350 (aktuell) ~500 km
🇩🇪🇸🇪 Taurus Neo (in Entwicklung) 500+ km
🇺🇸 JASSM-ER (bestellt für F-35) ~1.000 km
🇩🇪🇳🇴 Tyrfing 3SM (Entwicklung) ~1.000+ km
⬜ = in Entwicklung (Ziel: ~2035)
🇪🇺 ELSA Hyperschall (Konzept) 2.000+ km
⬜ = Konzeptphase (Ziel: 2030er)
🇺🇸 Tomahawk (Stationierung ausgesetzt) ~2.500 km

Reichweiten: öffentlich zugängliche Schätzungen. Tatsächliche Werte können abweichen. Gestrichelt = nicht verfügbar/in Entwicklung.

Was die Debatte für die Wirtschaft bedeutet

Für die deutsche Rüstungsindustrie eröffnet der Paradigmenwechsel erhebliche Auftragsvolumina. MBDA plant zwischen 2025 und 2029 Investitionen von 2,4 Milliarden Euro zur Produktionsausweitung. Rheinmetall kooperiert mit dem ukrainischen Hersteller Destinus bei Mini-Marschflugkörpern. Das Münchner Start-up Hypersonica entwickelt einen autonomen Deep-Precision-Strike-Flugkörper, der die Regeln der Luftkriegsführung neu definieren soll.

Die politische Grundsatzfrage lautet dabei: europäische Souveränität oder transatlantische Abhängigkeit. Jeder Tomahawk, jede JASSM-ER und jede F-35 unterliegt US-Exportkontrollrecht (ITAR). Ein europäisches Triebwerk für den Taurus Neo – statt des aktuellen Williams P8300-15 aus den USA – wird in Fachkreisen als Schlüssel zur strategischen Autonomie diskutiert.

Ausblick: Zeitdruck gegen Bürokratie

Die Bundesregierung steht unter doppeltem Druck: Die sicherheitspolitische Lage erfordert schnelles Handeln, das europäische Beschaffungswesen operiert jedoch in Jahrzehnt-Zyklen. CSU-Verteidigungspolitiker Thomas Erndl forderte im Bayerischen Rundfunk einen konkreten Aktionsplan mit dem Zieldatum 2029.

Ob Deutschland die „Deep Strike“-Lücke rechtzeitig schließen kann, hängt von drei Variablen ab: dem politischen Willen zur Beschleunigung der Beschaffung, der industriellen Kapazität zur Serienfertigung und der Bereitschaft, europäische Kooperationen tatsächlich über nationale Egoismen zu stellen. Die Erfahrungen mit dem ursprünglichen Taurus-Programm – vom Konzept bis zur Einsatzreife vergingen rund 15 Jahre – mahnen zur Eile.

FAQ

Warum stationieren die USA keine Tomahawk-Raketen mehr in Deutschland?
Laut Kanzler Merz verfügen die USA aktuell nicht über ausreichende Bestände. Der Iran-Krieg hat die Vorräte massiv reduziert – mehr als 1.000 Tomahawks wurden laut Medienberichten verbraucht.

Was ist Taurus Neo?
Die Weiterentwicklung des deutschen Marschflugkörpers Taurus. Der Taurus Neo soll über modernere Elektronik, bessere Navigation und höhere Reichweite verfügen. Die Serienproduktion wird vorbereitet; geplant sind rund 600 Stück.

Welche europäischen Alternativen gibt es?
Neben Taurus Neo arbeitet Deutschland am ELSA-Projekt (europäischer Hyperschallflugkörper), am norwegisch-deutschen Tyrfing-Seekampfflugkörper und beschafft JASSM-ER für die F-35.

Was bedeutet Abschreckungslücke?
Die fehlende Fähigkeit, Russlands Iskander-Systeme in Kaliningrad mit eigenen weitreichenden konventionellen Waffen glaubhaft zu kontern. Europäische Alternativen werden frühestens Ende der 2020er einsatzbereit sein.

Wie reagiert die Rüstungsindustrie?
MBDA plant 2,4 Milliarden Euro Investitionen bis 2029. Weitere Unternehmen wie Rheinmetall, Destinus und Hypersonica positionieren sich im wachsenden Deep-Strike-Markt.

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