Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow fordert eine rasche Neuausrichtung der Militärstrategie und der staatlichen Verwaltung. Nach seiner Einschätzung bleiben Kyjiw nur wenige Monate, um bestehende Probleme zu beheben und die Verteidigungsfähigkeit gegenüber Russland zu stärken. Das sagte Fedorow in einem Interview mit Reuters. Dies berichtet die Webseite das-unternehmer-wissen mit einem Link zu t-online.
Fedorow warnt vor einem Wendepunkt im Krieg
Nach Einschätzung des früheren Ministers befindet sich die Ukraine in einer Phase, die über den weiteren Verlauf des Krieges entscheiden könnte. Die Lage an der Front erfordere eine schnelle Anpassung der Verteidigungsstrategie, der technologischen Entwicklung und des Umgangs mit staatlichen Ressourcen.
„Es sieht so aus, als würden wir allmählich verlieren“, sagte Fedorow. Zugleich betonte er, dass die Ukraine weiterhin die Möglichkeit habe, die Lage zu verändern. Dafür sei jedoch ein abgestimmter Plan für die weitere Kriegsführung notwendig.
Die russische Armee rückt im Donbass weiter vor, obwohl sie derzeit weniger Gelände einnimmt als im vergangenen Jahr. Gleichzeitig greift Russland regelmäßig ukrainische Produktionsstätten, Lager und Infrastrukturobjekte mit ballistischen Raketen an.
Die Möglichkeiten der ukrainischen Luftverteidigung werden durch den Mangel an Abfangraketen eingeschränkt. Die Ukraine wiederum vergrößert die Reichweite ihrer Drohnen- und Raketenangriffe auf Waffenfabriken, Lagerhäuser und Ölraffinerien tief im russischen Staatsgebiet.
Exminister benennt Schwächen des ukrainischen Systems
Fedorow führt die Risiken für die Ukraine nicht allein auf die militärische Lage zurück. Als weitere Probleme nannte er Korruption, Patronagenetzwerke, die politische Abhängigkeit staatlicher Institutionen und den unzureichenden Einsatz moderner Militärtechnologien.
Nach Ansicht des früheren Ministers nutzt der ukrainische Staat nur einen kleinen Teil seines vorhandenen Potenzials. Die allgemeine Effizienz der staatlichen Strukturen bezifferte er auf lediglich fünf Prozent.
Technologien, mit denen sich der Vormarsch der russischen Armee stoppen ließe, seien bereits vorhanden. Für ihren flächendeckenden Einsatz fehlten jedoch eine gemeinsame Strategie und ein koordiniertes Einführungsprogramm.
Das ukrainische Präsidialamt wies Fedorows Kritik zurück. Während seiner Amtszeit habe er das staatliche Vorgehen im Verteidigungsbereich positiv bewertet. Seine Haltung habe sich erst nach seiner Entlassung verändert.
Fedorow fordert stärkere technologische Verteidigung
Als einen der wichtigsten Bereiche bezeichnete Fedorow den Aufbau eines integrierten technologischen Systems für die Front. Dieses solle autonome Drohnen, elektronische Sensoren, künstliche Intelligenz und automatisierte Steuerung miteinander verbinden.
Nach seinen Vorstellungen sollen Boden- und Luftdrohnen bestimmte Frontabschnitte überwachen. Dadurch könnte die unmittelbare Anwesenheit von Soldaten in besonders gefährlichen Gebieten reduziert werden.
Darüber hinaus müsse die Ukraine die Produktion vergleichsweise günstiger Abfangraketen erhöhen und ihr eigenes Programm für ballistische Raketen vorantreiben. Ukrainische Unternehmen arbeiteten bereits an entsprechenden Projekten. Nach Fedorows Angaben fehle jedoch ein gemeinsamer staatlicher Plan für ihre Einführung.
Besondere Bedeutung misst der frühere Minister den Drohnenangriffen auf die russische Militärlogistik auf der besetzten Halbinsel Krim bei. Die Ukraine habe nur noch wenige Monate, um diese Kampagne in ihrer bisherigen Form fortzusetzen. Danach könnte Moskau wirksame Gegenmaßnahmen gegen die ukrainische Taktik entwickeln.
Fedorows Entlassung löste Proteste aus
Vor seiner Ernennung zum Verteidigungsminister leitete Fedorow das Ministerium für digitale Transformation. Er gehörte zudem zum engeren politischen Umfeld von Präsident Wolodymyr Selenskyj.
An der Spitze des Verteidigungsministeriums kündigte er eine grundlegende Neuorganisation an. Dazu gehörten Veränderungen bei der Beschaffung und bei der Einführung neuer Technologien. Während seiner Amtszeit kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit Vertretern der militärischen Führung über Strategie und Ressourcenverteilung.
Fedorow verlor sein Amt im Juli 2026, nur sechs Monate nach seiner Ernennung. Seine Entlassung löste Proteste in Kyjiw und anderen ukrainischen Städten aus. Die Teilnehmer unterstützten den Politiker, der als Vertreter des reformorientierten Flügels der Regierung galt.
Forderung nach Wahlen findet wenig Zustimmung
Nach seiner Entlassung brachte Fedorow die Durchführung von Wahlen während des Krieges ins Gespräch. Er begründete seinen Vorstoß mit einer systemischen Regierungskrise und der Notwendigkeit, die politischen Institutionen zu erneuern.
Präsident Selenskyj lehnte die Initiative ab. Ein Wahlkampf während der laufenden Kampfhandlungen könnte nach seinen Worten die inneren Spannungen verschärfen und das Land spalten.
Gegen Wahlen sprechen zudem das geltende Kriegsrecht, die ständige Gefahr russischer Angriffe und die fehlende Möglichkeit, allen Wahlberechtigten einen gleichberechtigten Zugang zur Abstimmung zu garantieren. Millionen Ukrainer leben im Ausland, befinden sich in besetzten Gebieten oder dienen an der Front.
Laut einer Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kyjiw befürworten 57 Prozent der Befragten Wahlen erst nach dem vollständigen Ende des Krieges und dem Abschluss eines Friedensabkommens. Lediglich 15 Prozent unterstützen eine Abstimmung während der laufenden Kampfhandlungen.
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