Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat einen neuen Vorsitzenden gewählt. Die Abgeordneten übertrugen Thorsten Frei die Führung der gemeinsamen Fraktion. Zuvor hatte der CDU-Politiker das Bundeskanzleramt geleitet. Bei der Sondersitzung stimmten 91,9 Prozent der anwesenden Parlamentarier für ihn. Dies berichtet die Webseite das-unternehmer-wissen mit einem Link zu n-tv.
Frei folgt auf Jens Spahn, der sein Amt nach einer politischen Kontroverse niedergelegt hatte. Das deutliche Wahlergebnis war nicht nur für den neuen Fraktionschef von Bedeutung, sondern auch für Bundeskanzler Friedrich Merz. Ein schwaches Ergebnis für dessen Wunschkandidaten wäre zwangsläufig als Misstrauensvotum gegen den Kanzler selbst gewertet worden.
Nach offiziellen Angaben erhielt Frei 170 von 185 abgegebenen Stimmen der CDU- und CSU-Abgeordneten. Der neue Vorsitzende erklärte, er betrachte das Ergebnis als Vertrauensbeweis und als Bestätigung dafür, dass die Fraktion ihre gemeinsame Arbeit fortsetzen wolle.
Frei erhält breite Unterstützung der Fraktion
Nach der fast dreistündigen Sondersitzung trat Thorsten Frei gemeinsam mit Friedrich Merz, dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder und dem Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe, Alexander Hoffmann, vor die Presse.
Merz bezeichnete das Wahlergebnis als beeindruckend und gratulierte Frei zu seiner Wahl. Für den Bundeskanzler hatte die Abstimmung besondere Bedeutung. Seine jüngsten Personalentscheidungen hatten innerhalb der CDU deutlichen Unmut ausgelöst. Mehrere Landesverbände stellten öffentlich den Führungsstil der Parteispitze infrage.
Während der Sitzung beantwortete Frei die Fragen der Abgeordneten. Rund 15 Mitglieder der Fraktion beteiligten sich an der Debatte. Merz bezeichnete den Austausch als offen, fair und respektvoll. Der Kanzler verteidigte zugleich seine Personalentscheidungen und erläuterte die Hintergründe einzelner Entlassungen und Ernennungen.
Nach Angaben von Merz müsse die Bundesregierung ihr Reformprogramm fortsetzen. Gleichzeitig müsse sie ihre Entscheidungen gegenüber der Öffentlichkeit und den eigenen Abgeordneten besser erklären. Auch innerhalb der Fraktion war zuvor eine klarere Kommunikation gefordert worden.
Die Wahl Freis bildet den vorläufigen Abschluss einer umfassenden Neuordnung an der Spitze der CDU, der Unionsfraktion und der Bundesregierung, die nach dem Rückzug von Jens Spahn begonnen hatte.
Der neue Fraktionschef soll die Union stabilisieren
Thorsten Frei übernimmt die Führung der Fraktion in einer Phase erheblicher Spannungen. Die Union befindet sich seit der Regierungsbildung unter Friedrich Merz in einer ihrer schwierigsten innenpolitischen Situationen.
Der neue Vorsitzende muss die Geschlossenheit der Abgeordneten sichern und die knappe parlamentarische Mehrheit der Koalition erhalten. Die Regierung verfügt im Bundestag lediglich über einen Vorsprung von zwölf Stimmen. Bereits eine kleine Gruppe abweichender Abgeordneter könnte Gesetzesvorhaben blockieren oder vereinbarte Koalitionsprojekte gefährden.
Ein vergleichbarer Konflikt war zuvor bei der Rentenpolitik entstanden. Vertreter der Jungen Union wandten sich gegen Teile eines Regierungsentwurfs und brachten die Koalition damit an den Rand einer offenen parlamentarischen Auseinandersetzung.
Der Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gehört zu den wichtigsten Ämtern innerhalb einer Regierungskoalition. Der Fraktionschef koordiniert Gesetzesvorhaben, führt Gespräche mit dem Koalitionspartner und muss sicherstellen, dass die Regierung im Bundestag über die notwendige Stimmenzahl verfügt.
Frei kennt die parlamentarischen Abläufe gut. Vor seinem Wechsel ins Bundeskanzleramt war er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion und für die Organisation ihrer Arbeit verantwortlich. Seine Erfahrung im Umgang mit den Abgeordneten dürfte bei der Entscheidung von Merz und Söder eine zentrale Rolle gespielt haben.
Dank an Jens Spahn
Während der Pressekonferenz würdigten die Spitzen von CDU und CSU mehrfach die Arbeit des bisherigen Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn.
Markus Söder erklärte, nach mehreren turbulenten Wochen könne die Union nun eine erfolgreiche Personalentscheidung präsentieren. Innerhalb der Partei sei mit einem deutlich größeren Konflikt gerechnet worden. Die Sondersitzung sei jedoch ohne offene Konfrontation verlaufen.
Söder lobte Spahns Arbeit und betonte, dessen politischer Weg sei nicht beendet. Auch Frei erklärte, der bisherige Vorsitzende habe die Fraktion erfolgreich geführt.
Spahn stand seit Mai 2025 an der Spitze der gemeinsamen Bundestagsfraktion. Am 18. Juli 2026 trat er nach einer Debatte über die Geburt eines Kindes mithilfe einer Leihmutter in den Vereinigten Staaten zurück. Leihmutterschaft ist nach geltendem deutschen Recht nicht zulässig und wird auch innerhalb der Union kritisch bewertet.
Nach Spahns Rückzug verständigten sich Merz und Söder rasch auf Thorsten Frei als Nachfolger. Dessen Wechsel aus dem Bundeskanzleramt in die Fraktion machte jedoch umfangreiche Umbesetzungen in der Bundesregierung und in der Parteiführung erforderlich.
Personalentscheidungen lösen Konflikt in der CDU aus
Die von Friedrich Merz eingeleiteten Veränderungen beschränkten sich nicht auf die Neubesetzung des Fraktionsvorsitzes. Der Kanzler nahm Umbesetzungen in mehreren Bundesministerien und Führungsstrukturen der CDU vor.
Besonders scharfe Kritik löste die Entlassung von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder aus. Der Politiker gehörte dem CDU-Landesverband Rheinland-Pfalz an, der öffentlich seinen Unmut über das Vorgehen der Parteispitze zum Ausdruck brachte.
Die CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag sagte ein lange geplantes Treffen mit dem Bundeskanzler ab. Zur Begründung erklärte sie, das notwendige Mindestmaß an Vertrauen sei nicht mehr vorhanden.
Auch das Verfahren bei Schnieders Ablösung verlief chaotisch. Merz hatte zunächst den Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler als möglichen Nachfolger vorgesehen. Güntzler lehnte das Angebot jedoch ab, nachdem Schnieder bereits über seine geplante Entlassung informiert worden war.
Mehrere Tage blieb offen, wer das Verkehrsministerium übernehmen sollte. Schließlich gab Schnieder selbst seinen Rücktritt bekannt. Sein Nachfolger wurde Steffen Bilger, der zuvor Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewesen war.
Die Umbesetzungen und die Art ihrer Umsetzung sorgten bei mehreren Landesverbänden sowie bei Mitgliedern des CDU-Bundesvorstands für Unmut. Die Kritik richtete sich vor allem gegen unzureichende Kommunikation, überraschende Entlassungen und fehlende vorherige Abstimmungen.
Parteifreunde kritisieren Merz offen
Der Unmut über das Vorgehen des Kanzlers wurde auch in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands deutlich. Vertreter mehrerer Landesverbände stellten die Methoden infrage, mit denen Merz die personelle Neuordnung durchsetzte.
Der Vorsitzende des Bremer CDU-Senatorenkreises, Heiko Strohmann, erklärte, eine politische Partei könne nicht wie ein Unternehmen geführt werden. Später wiederholte er seine Kritik in einem Medieninterview.
Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer äußerte öffentlich Vorbehalte. Anlass war die Entscheidung von Merz, Christiane Schenderlein aus dem Amt der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt zu versetzen und ins Bundesgesundheitsministerium zu schicken.
Dort soll Schenderlein Parlamentarische Staatssekretärin werden. Gleichzeitig verlor Tino Sorge, ein langjähriger Gesundheitspolitiker, seinen bisherigen Posten.
Sorge erklärte, der Bundeskanzler habe ihn nicht im Voraus über die Entscheidung informiert. Er bezeichnete den Vorgang als eine Frage des politischen Stils. Von seiner Ablösung habe er nach eigenen Angaben durch Carsten Linnemann erfahren.
Linnemann übernimmt das Gesundheitsministerium
Carsten Linnemann, bislang Generalsekretär der CDU, wurde zum neuen Bundesgesundheitsminister ernannt.
Seine Berufung löste zusätzliche Fragen innerhalb der Partei aus. Kurz nach der Bundestagswahl hatte Linnemann öffentlich erklärt, die Bürger würden es kaum verstehen, wenn jemand ohne fachliche Erfahrung im Gesundheitswesen das Ministerium übernehmen würde.
Dennoch übertrug Merz ihm nun die Leitung des Ressorts. Zuvor war Nina Warken aus dem Gesundheitsministerium ins Bundeskanzleramt gewechselt.
Warken ist die erste Frau an der Spitze des Kanzleramts. Als Gesundheitsministerin hatte sie an einem umfangreichen Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung mitgewirkt. Die Verabschiedung des Programms galt als ein wichtiger Erfolg der Regierungskoalition.
Auch die CDU-Parteiführung wurde neu geordnet. Linnemanns bisheriges Amt als Generalsekretärin übernahm Franziska Hoppermann.
Steinmeier überreicht Ernennungsurkunden
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nahm in seinem vorübergehenden Amtssitz am Spreebogen die Entlassungen und Ernennungen der Regierungsmitglieder vor.
Entlassungsurkunden erhielten Patrick Schnieder, Nina Warken und Thorsten Frei. Gleichzeitig wurden Carsten Linnemann, Nina Warken und Steffen Bilger offiziell in ihre neuen Ämter berufen.
Linnemann übernahm das Gesundheitsministerium, Warken die Leitung des Bundeskanzleramts und Bilger das Verkehrsministerium.
Während der Zeremonie erinnerte Steinmeier daran, dass neue Bundesminister ihren Amtseid vor dem Bundestag ablegen müssen. Diese Verpflichtung ist im Grundgesetz verankert und unterstreicht die parlamentarische Verantwortung der Bundesregierung.
Der Bundespräsident erklärte, die Minister sollten ihren Eid in der ersten Bundestagssitzung nach der Sommerpause leisten. Merz nahm an der Zeremonie teil.
Frei wird Teil der Koalitionsverhandlungen
Mit seiner Wahl gehört Thorsten Frei künftig zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der Regierungskoalition. Der Vorsitzende der größten Regierungsfraktion ist unmittelbar an der Abstimmung zentraler Gesetzesprojekte mit dem Koalitionspartner beteiligt.
Unter Jens Spahn hatte die Fraktionsführung an Verhandlungen über Reformen des Steuersystems, des Arbeitsmarktes und der öffentlichen Verwaltung teilgenommen. Zudem ging es um Bürokratieabbau und Maßnahmen zur Stärkung des Wirtschaftswachstums.
Frei muss diese Arbeit fortsetzen und dafür sorgen, dass die Vereinbarungen im Bundestag eine Mehrheit finden. Dazu benötigt er sowohl die Unterstützung der CDU-Abgeordneten als auch die Geschlossenheit der CSU-Landesgruppe.
Markus Söder erklärte, die Wahl des neuen Fraktionsvorsitzenden müsse das Signal für eine Rückkehr zur regulären politischen Arbeit sein. Zugleich schloss er aus, künftig erneut als Kanzlerkandidat antreten zu wollen.
Umfragewerte der Union bleiben niedrig
Die personelle Neuordnung erfolgt vor dem Hintergrund sinkender Zustimmungswerte für die Regierungskoalition. In der jüngsten Erhebung von RTL und ntv erreichten CDU und CSU zusammen nur noch rund 21 Prozent.
In einzelnen Umfragen lag die Alternative für Deutschland bereits vor der Union. Demnach erreichte die AfD 27 Prozent, während CDU und CSU auf 21 Prozent kamen. Auch die persönlichen Zustimmungswerte von Friedrich Merz gingen deutlich zurück. Nur noch ein kleiner Teil der Befragten bewertete seine Arbeit als Bundeskanzler positiv.
Der Druck auf Merz nimmt insbesondere vor den anstehenden Landtagswahlen zu, darunter auch in ostdeutschen Bundesländern. Innerhalb der CDU wächst die Sorge, dass anhaltende interne Konflikte die AfD zusätzlich stärken könnten.
Merz hofft, dass die Wahl Freis und der Abschluss der Personalentscheidungen der Regierung ermöglichen werden, wieder stärker über Reformen zu sprechen. Nach der Fraktionssitzung kündigte der Kanzler an, politische Entscheidungen künftig besser zu erklären und die Abgeordneten früher in die Beratungen einzubeziehen.
Am Mittwoch, dem 29. Juli, trat Merz seinen Urlaub an. Die Verantwortung für die parlamentarische Arbeit der Union liegt nun bei Thorsten Frei.
Lesen Sie auch: Nach dem Rücktritt von Jens Spahn plant Friedrich Merz Personalwechsel in Regierung, Kanzleramt und CDU. Diese Kandidaten gelten als gesetzt.